Der 1949 in Kyoto geborene japanische Schriftsteller, dessen Romane allesamt zu Bestsellern wurden, gehört derselben Generation an wie sein Romanheld Tôru, hat wie dieser als Student die "Zeiten der Rebellion" miterlebt und – wie er in einem seiner seltenen Interviews (singleautoren.de) bekennt - spätestens in den frühen 70-ern "alle Illusionen und Utopien" verloren.
Melancholisches Meisterwerk
Als sinnliche Erfahrung wird der vom vietnamesisch-französischen Regisseur Trân Anh Hûng inszenierte traumhaft schöne und in einfühlsamen Bildern erzählte Film zum Buch angekündigt, der im Dezember letzten Jahres in Japan Premiere feierte, dieser Tage in Deutschland anläuft und Ende September auch in den österreichischen Kinos zu sehen sein wird.
"Naokos Lächeln" – von Haruki Murakami im Buch mit "Nur eine Liebesgeschichte" untertitelt - ist viel mehr als "nur" das. In der sich vor dem Hintergrund der Studentenunruhen Ende der 60er-Jahre ereignenden Handlung geht es auch um Freundschaft, Tod, Verlust, und Einsamkeit und bittere Erfahrungen auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Es geht aber auch um all jene großen Songs, die für diese Zeit stehen und die eine ganze Generation begeistert und geprägt haben. Man verspürt auch als Leser plötzlich den Wunsch, sie alle wieder zu hören und findet auf Youtube unter dem einen oder andern Lied sogar kleine Anmerkungen, die darauf verweisen, dass schon andere Murakami-Leser vor einem da waren – wohl aus demselben Grund.
"Wir haben nicht bezahlt, als es an der Zeit dafür war, jetzt wird die Rechnung fällig", sagt die junge Naoko an einer Stelle der Geschichte zu Tôru, der für sie nach dem Selbstmord des gemeinsamen Freundes Kizuki in dieser seltsamen Dreiecksgeschichte die "einzige Verbindung zur Außenwelt" geblieben ist. Sie schafft es nicht mehr, aus ihrer seelischen Isolation herauszufinden.
Am Ende ist es die um einiges ältere Reiko, die dem Ich-Erzähler hilft, mit der Vergangenheit endgültig abzuschließen und für eine neue Liebe mit der temperamentvollen Midori frei zu werden.
Auf Besuch bei Murakami
In einer ihrer regelmäßig in der Wochenzeitschrift Die Zeit erscheinenden Kolumnen erzählte die in der Schweiz lebende deutsche Schriftstellerin Sibylle Berg im August 2000 von ihrer Reise nach Tokyo und der persönlichen Begegnung mit dem Kultautor Haruki Murakami.
Von seiner Menschenscheu ist darin die Rede und von den Gründen, die ihn zum Schreiben gebracht haben, von seinen Reisen, seinem täglichen Fitness-Programm und den Autoren, die er selber gerne liest. Und man erfährt auch, dass "Naokos Lächeln" nicht unbedingt die Geschichte ist, die er für eine seiner besten hält; und der Durchbruch, zu dem sie ihm verholfen hat, nicht unbedingt glücklich machte, sondern ihn vielmehr in eine tiefe Depression gestürzt hat. (Link zur Kolumne: siehe Textende).
Dem Film, der bereits im Vorfeld der großartigen Kameraführung und schönen Bilder wegen von diversen Kinomagazinen mit Bestnoten versehen wurde, steht – ganz gleich, ob es den Autor freut oder nicht - vermutlich ein ähnlicher Erfolg bevor.
Buchtipps
Haruki Murakami Naokos Lächeln - erschienen im btb Verlag
Haruki Murakami 1Q84 - erschienen im Dumont Verlag
Sibylle Berg Die Fahrt - erschienen bei rororo
Sibylle Berg Der Mann schläft - erschienen im Carl Hansen Verlag
Renate Rossbacher ist freie Autorin. 1998 hat sie ihren Lyrik-Band "Man wird nicht reif, man wird nur müde" im Karin Fischer Verlag veröffentlicht; seitdem weitere Gedichte und Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien.

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