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Mikas Schildkröte und Ronnies Leiden

27.06.2011
Wenn SportjournalistInnen erst einmal zu erzählen beginnen, ist es nicht immer ein Vergnügen, zuzuhören. Außer sie sind am Wort: Heinz Prüller, Rolf Kalb und Bill Simmons.

Artikel, informative Websites oder Sehens- bzw. Hörenswertes in Radio und Fernsehen: In unserer Kolumne "Media's Digest" stellt relevant-Redakteurin Ute Rossbacher wöchentlich ihre Medientipps vor.


Es gibt Momente, da frage ich mich: Hat Rubens Barrichellos Schwester die Aufnahmeprüfung für die Musicalschule bestanden? Macht Michael Schumacher noch immer seine Chlorallergie zu schaffen? Und was gibt's Neues bei den drei Schwestern von Jenson Button?

Und ich weiß: Heinz Prüller würde mir die Antwort darauf geben können. Denn keiner weiß so gut über die Familiengeschichten, Befindlichkeiten, persönlichen Malheurs und Hoppalas der kleinen und großen Sportstars von einst und jetzt Bescheid wie er.

Der ehemalige ORF-Kommentator, der seit 2009 für den Bezahl-Sender Sky im Einsatz ist, kennt sie nicht nur alle, er versteht es auch, seine Anekdoten mit verblüffender Hingabe zum Detail zwischen sportlichen und statistischen Daten zu platzieren, irgendwann zwischen 1. und 70. Runde. Wobei die Komik oft genug in seinem unübertroffenen Timing liegt und mich schon so manche Lachträne gekostet hat.

Einer meiner persönlichen Klassiker an dieser Stelle: Heinz-Harald Frentzen gewinnt 1997 sein erstes Rennen für Rothmans Williams Renault. Prüller, als der Deutsche durchs Ziel fährt: "Es ist wohl jetzt nicht der richtige Moment, um zu erwähnen, dass sein Vater Leichenbestatter ist ..." Oja, goldrichtig!

Vom Magazin profil zu seinen häufig skurrilen Anekdoten befragt, erklärt der Formel 1-Experte unbefangen: "Menschen und Schicksale sind immer interessant." - Und Recht hat er.


Sportgeschichten für Regentage

Natürlich, kann eingewendet werden, muss man nicht wissen, dass der Schwager von Jean Alesi Japaner ist, wie die Schildkröte von Mika Häkkinen zu Tode kam (sie hieß laut Prüller übrigens Caroline und fiel vom Balkon - für die, die es interessiert) oder dass Eddie Jordan sein Dasein einst "mit dem Verkauf von Fischen und Teppichresten fristete". Aber ich finde: schaden tut es auch nicht. Vor allem, wenn man Sportjournalist ist, und der Start eines Formel 1-Rennens regenbedingt immer wieder verschoben werden muss (konkret der Grand Prix von Kanada am 12. Juni 2011).

Man kann nicht sagen, dass es ORF-Moderator Ernst Hinterleitner nicht versucht hätte: als er uns erzählte, wen er auf dem Weg zur Toilette getroffen hat; in der VIP-Zone Colin Farrell erst nach einem sachdienlichen Hinweis seiner Kollegen erkannte und seine mangelnde Promi-Kenntnis damit begründete, schon länger nicht mehr im Kino gewesen zu sein; und sich mit einem übermüdeten und daher wortkargen Alexander Wurz am Telefon abmühte, der sich vom 24-Stunden-Rennen in Le Mans meldete.

Es sind Augenblicke wie diese, in denen sich langjährige Formel 1-Zuseher wie ich in nostalgischer Verklärung an Heinz Prüller erinnern, dem die Geschichten nie auszugehen scheinen, der auch seine finnischen Zuseher nicht vergisst und wenn ihm nichts mehr einfällt (was unwahrscheinlich ist), im Notfall immer noch auf die Lebenserinnerungen von befreundeten Rennfahrerlegenden ("Jackie Stewart hat einmal gesagt ...") zurückgreifen kann.

Kein Wunder also, dass die Zitatesammlung "Prüllereien" nicht nur von historischem Wert, sondern längst vergriffen und nur noch zu Liebhaberpreisen zu bekommen ist. Auch das eine oder andere Zeitungsinterview, wie zuletzt aus Anlass von Jochen Rindts 40. Todestag im September 2010, ließ Prüller noch einmal zur Hochform im Anekdoten-Erzählen auflaufen. Und seine alljährlichen Rennsaison-Bilanzen in Buchform sind immer noch schwer zu toppen.


Dramen am Snooker-Tisch

Welche menschlichen Dramen hinter sportlichen Karrieren stecken, ist auch Rolf Kalb von Eurosport bestens bekannt. Der Sportjournalist hat sich in den letzten Jahren als Snooker-Experte verdient gemacht und im deutschsprachigen Raum wesentlich zur wachsenden Beliebtheit der Billard-Variante, die in Großbritannien neben Fußball zu den populärsten Sportarten zählt, beigetragen.

Auch Kalb kennt die überwiegend von den Britischen Inseln stammenden Profis, deren Preisgelder sich in Millionenhöhe bewegen und deren Leben voller kleinerer und größerer Schicksalsschläge sind; die Geschichten darüber präsentiert Kalb während den Turnieren und in seinem Eurosport-Blog wohl-dosiert und fan-gerecht.

So weiß man als gelernter Kalb-Zuhörer und -Leser, dass "The Rocket" Ronnie O'Sullivan nach seiner Scheidung gerade in einem Formtief steckt, wie hart es für "Wizard of Wishaw" John Higgins war, sich nach einem Wettskandal (er wurde von allen Vorwürfen freigesprochen) wieder an die Spitze zurückzukämpfen.

Dass diese Geschichten nicht nur Schlagzeilen, sondern auch ganze Bände füllen, hat The Guardian-Reporter Simon Hattenstone erkannt und die von Drogen, Entzug, Depressionen, Absturz und Wiederaufsteig geprägte Autobiografie von Snooker-Star Ronnie O'Sullivan aufgezeichnet. Unbedingt lesenswert!

Wärmstens empfohlen sei hier auch das Eurosport-Blog von Rolf Kalb: Neben den Hintergrund-Storys sind die sportlichen Analysen zu den Snooker-Regeln für Einsteiger wie Kenner gleichermaßen interessant. Wem das nicht genug ist, dem seien noch die beiden Bücher des Sportjournalisten ans Herz gelegt: "Snooker. Der intelligente Weg zum besseren Spiel" und "Billard verständlich gemacht. Pool, Karambolage, Snooker".


Fan-Jubel auf Amerikanisch

Wessen Herz für die amerikanischen Traditionssportarten wie Basketball oder Football schlägt, findet in Bill Simmons einen wahren Verbündeten. Der Kommentator wurde erst vor wenigen Jahren von einem Sportmagazin in die Liste der einflussreichsten Journalisten seiner Zunft aufgenommen, und das will in den USA - gemessen an der Dichte an Fernsehsendern und der Zahl an Kommentatoren - etwas heißen.

Mit seinem Blog BostonSportsGuy.com sorgte der gebürtige Bostoner (daher auch sein Spitzname "The Boston Guy") für dermaßen große Begeisterung, dass ihn 2001 der renommierte Sportsender ESPN zu sich holte. Für diesen ganz vorne mit dabei zu sein, genügte dem umtriebigen Simmons aber nicht. Seine beiden Bücher "Now I Can Die in Peace" und "The Book of Basketball: The NBA According to the Sports Guy" beherrschten wochenlang die amerikanischen Bestseller-Listen. Und mit seiner Online-Plattform grantland.com hat er gerade wieder den Vogel abgeschossen. Er und eine erlesene Crew aus Sportexperten liefern dem interessierten Leser feinste Analysen und unterhaltsamste Kabinenstorys begleitend zu den wichtigsten Sportereignissen in den USA und außerhalb.

Das Geheimnis seines ungebrochenen Erfolges zu erklären überlässt Simmons lieber anderen: Er sei, heißt es da in der englischsprachigen Ausgabe von Wikipedia, in seinem Herzen immer ein leidenschaftlicher Sportfan geblieben und habe daher auch als Journalist die Nähe zum Leser und Zuseher nie verloren. Sein von ihm überliefertes Credo lautet denn auch: um gelesen zu werden, muss man über Dinge berichten, die in Tageszeitungen und Magazinen nicht zu finden sind.

Womit wir wieder bei Barrichellos Schwester und Häkkinens Schildkröte wären. Anekdoten, die während einer Sportübertragung vielleicht nicht jeder hören möchte - aber ich. Denn während die Profis Sportgeschichte schreiben, schreibt die besten, lustigsten und ungewöhnlichsten Geschichten - das Leben.


Buchtipps

"Prüllereien aus der Formel Heinz" (Didier Mortibella, CC Cosword, The Red Five, William Franks) - erschienen bei loewenzahn

"Unglaublich!: Mythos, Aberglaube und Rituale im Sport" (Heinz Prüller) - erschienen im Np Buchverlag

"Ronnie. The Autobiography of Ronnie O'Sullivan" (aufgezeichnet von Simon Hattenstone) - erschienen in englischer Sprache bei Orion, London

"Snooker. Der intelligente Weg zum besseren Spiel" (Rolf Kalb, Thomas Hein, Anneli Nau) - erschienen bei Copress

"Billard verständlich gemacht: Pool, Karambolage, Snooker" (Rolf Kalb) - erschienen bei Copress

"The Book of Basketball: The NBA According to The Sports Guy" (Bill Simmons) - erschienen in englischer Sprache bei ESPN

"Now I Can Die in Peace: How The Sports Guy Found Salvation Thanks to the World Champion (Twice!) Red Sox" (Bill Simmons) - erschienen in englischer Sprache bei Ballantine Books


Programm-Tipp

"Sport und Talk aus dem Hangar-7", immer montags ab 21:05 in Servus-TV

Ute Rossbacher


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