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Wovon sich Künstler inspirieren lassen

31.05.2011
Bryan Ferry liebt Gedichte. Leonard Cohen schreibt sie. Nick Hornby kennt mehr als "31 Songs". Woody Allen hat es mit den großen Denkern. Und auch große Hits haben ihre Geschichte.

Die Lyrik des angloamerikanischen Dichters T.S. Eliot habe er schon immer geliebt und dessen 433 Zeilen umfassendes Gedicht "The Waste Land" ("Das wüste Land") stets mit sich herumgetragen, gestand Bryan Ferry auf seiner Promotion-Tour für sein Album "Olympia" letzten Herbst in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Der Songwriter und Kopf der erfolgreichen 70er-Jahre-Band Roxy Music, der am 3. Juli im Rahmen des 21. Jazz Fest Wien 2011 (15. Juni – 17. Juli) ein Konzert in der Staatsoper geben wird, zeigt ein großes Faible für Literatur und hat sich für den Song "Tender is the Night" vom Schicksal des tragischen Helden aus F.Scott Fitzgeralds Roman "Der große Gatsby" inspirieren lassen, der den Sprung von der Unterschicht nach oben geschafft, es zu Reichtum gebracht und doch ""nie das Glück gefunden hat".

Einige Schriftsteller, so der Sänger, hätten einfach "eine Saite" in ihm "zum Klingen" gebracht. Gute Literatur sei eben etwas Unvergängliches und verbinde uns mit den Toten: "Hier sind wir und lesen noch immer Shakespeare, Dickens und Goethe."


Über das Scheitern und die Sehnsucht

"Meine Zeit läuft ab / und immer noch / hab ich ihn nicht gesungen / den einen wahren Song / den einen großen Song (...)", heißt es in einem jener Gedichte des kanadischen Schriftstellers, Sängers und Komponisten Leonard Cohen, die sich gesammelt in dem "Buch der Sehnsüchte" finden.

Den Großteil dieser lyrischen Prosa hat der Musiker Mitte der 90er-Jahre während seines fünfjährigen Aufenthaltes in einem buddhistischen Kloster geschrieben. Dort habe er allerdings nicht nur meditiert, sondern sich in dieser Zeit auch als Koch und Chauffeur betätigt.


Lieben und Leiden

Bereits Anfang der 60er-Jahre ist Leonard Cohen mit seinem autobiografischen Debütroman "Das Lieblingsspiel" ein vielbeachtetes Buch gelungen, das mittlerweile als Klassiker gilt und zu den zehn besten kanadischen Romanen des 20. Jahrhunderts gezählt wird. Aufgrund der Nachfrage wurde es 2008 - da längst vergriffen - in überarbeiteter Übersetzung neu aufgelegt.

"Kinder zeigen Narben wie Auszeichnungen vor, Erwachsene machen Geheimnisse daraus", heißt es in dieser Geschichte, in der sich Cohens Protagonist Lawrence Breavman, ein Dichter wie er, an seine Jugendzeit erinnert, sich nach mehr oder weniger flüchtigen Abenteuern in New York in das Mädchen Shell verliebt, tagsüber auf prosaische Weise sein Geld verdient und danach in die Geborgenheit dieser Liebe flüchtet.

Doch Nacht für Nacht, sobald sie schläft, übt er in Gedanken, Gedichten und Tagebucheinträgen die Flucht aus dieser Beziehung, dieser für ihn immer unerträglicher werdenden Idylle, gegen die der Dichter immer häufiger und stärker aufbegehrt.

Zwar nennt er sein eigenes Verhalten "ein dummes, gefährliches Spiel", weiß aber doch, dass er sich irgendwann endgültig für die eine oder andere Art zu leben wird entscheiden müssen. Diese Wankelmütigkeit ist es auch, die den Prozess der Loslösung letztendlich für beide schmerzhaft werden lässt.


Vom Bestseller-Autor zum lyrischen Songtexter

Nicht Gedichte sind es, von denen sich der britische Schriftsteller Nick Hornby inspirieren lässt - es ist Musik. "Ich höre Songs – praktisch ausschließlich", sagt der Autor zahlreicher Kultromane und ist davon überzeugt, dass Songschreiber gar nicht ahnen können, wie viel ihre Lieder Menschen bedeuten.

In seinem Essayband "31 Songs" gibt er Einblick in sehr persönliche Beziehungsgeschichten, die sich im Lauf der Jahre zu diversen Popsongs entwickelt haben. Unter anderem erfährt der Leser, dass Bruce Springsteens "Thunder Road" dem Autor nach mancher Absage von Verlagen jenes Quantum Trost zu spenden vermochte, das er nötig hatte, um weiterzumachen.

Für den amerikanischen Piano-Rocker Ben Folds, dessen Song "Smoke" in dem Buch ebenfalls zu Ehren kommt und den Nick Hornby als "Musik-Version von mir" bezeichnet, hat der Erfolgsautor mittlerweile auf dessen Wunsch zehn Songtexte geschrieben, die der Musiker für das im vergangenen Jahr erschienene Album "Lonely Avenue" vertont hat.

Mit seinen mehrfach verfilmten Romanen hat sich Nick Hornby im Lauf der Jahre eine begeisterte Leserschaft erschlossen. Vermutlich auch, weil darin das ganz normale Leben stattfindet. Seine Anti-Helden sind zumeist Mitte 30, hören Musik, gehen ins Kino, sitzen vor dem Fernseher, träumen vom Fußball oder einer Karriere als Skateboard-Fahrer, sammeln Schallplatten, verlieben sich, werden verlassen oder in die Problemwelten anderer hineingezogen.

Zuweilen finden sie sich, weil eben nicht ganz krisenfest, auch schon einmal in einer Silvesternacht auf dem Dach eines Hochhauses ein, wo es sie hintreibt, um mit dem Leben Schluss zu machen; begegnen dort aber zu ihrer Überraschung anderen Lebensmüden, wodurch ihr Schicksal eine unterwartet positive Wende erfährt.


Das Beste von Allen

Dass Woody Allen Drehbücher schreibt, Filme und Musik macht, ist bekannt; dass er sich aber auch zu den Erkenntnissen großer Philosophen seinen (eigenen) Teil denkt und zu realen Begebenheiten originelle Geschichten erfindet, die als Textsammlung unter dem Titel "Das Beste von Allen" erschienen sind, macht ihn auch noch zu einem äußerst originellen Erzähler.

In dem Text "Kritik des Reinen Schreckens" geht der Filmemacher mit der Absicht, "mir einen Ehrenplatz unter den bedeutendsten Denkern der Geschichte" zu sichern, der Frage nach, ob wir das Universum wirklich kennen können und äußert da seine höchstpersönlichen Zweifel, da es schon schwierig genug sei, "sich ins Chinatown zurechtzufinden".

Doch stellen sich für ihn auch Fragen, wie man dem Tod ein Schnippchen schlägt oder mit Madame Bovary eine Affäre beginnt. Dass die Antworten des bekennenden "Stadtneurotikers" darauf mindestens so originell ausfallen, wie sein filmisches Werk, darf erwartet werden. Wer also Woody Allens Filme liebt, wird auch an diesem Buch Gefallen finden.


Hit-Geschichten

Auch Welthits fallen nicht einfach so vom Himmel, so manchen geht auch eine besondere Geschichte voraus.

Im Herbst 1970 las der amerikanische Sänger Don McLean auf seiner Veranda eine Biografie des großen Malers Vincent van Gogh und war von der tragischen Lebensgeschichte des Künstlers so tief bewegt, dass er spontan auf einer Papiertüte die Textzeilen für einen Song notierte. "Vincent" wurde neben "American Pie" zum größten Erfolg seiner Musikkarriere. Und auch heute noch wird "Starry, starry night" jeden Tag für die Besucher des Van Gogh–Museums in Amsterdam rund um die Uhr gespielt.


Hymne eines Fans

Im Jahr 1972 besuchte wiederum die amerikanische Sängerin Lori Lieberman eines seiner Konzerte und war derart beeindruckt, dass sie sich ebenfalls hinsetzte und ein Gedicht über Don McLean und die Magie seiner Lieder schrieb. Das Gedicht trug den Titel "Killing Me Softly With His Blues". Zwei befreundete Songschreiber verarbeiteten schließlich ihr Gedicht zu einem Liedertext und komponierten dazu eine Melodie. Der Song wurde allerdings kaum beachtet. Erst die Cover-Version von Roberta Flack verhalf dem Lied zu einem Welterfolg, der sich immerhin drei Wochen lang an der Spitze der amerikanischen Charts halten konnte.

Don McLean ist 2011 wieder auf Tour, wenn auch vorerst nur im englischsprachigen Raum. Eine von Alan Howard verfasste, vom Musiker autorisierte Biografie mit dem Titel "The Don McLean Story: Killing Us Softly With His Song" ist 2007 in englischer Sprache erschienen.


Buchtipps

Leonard Cohen Buch der Sehnsüchte - erschienen im btb Verlag

Leonard Cohen Das Lieblingsspiel - erschienen im Blumenbar Verlag

Nick Hornby High Fidelity - erschienen im Verlag Droemer Knaur

Nick Hornby 31 Songs - erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

Woody Allen Das Beste von Allen - erschienen im rororo Verlag

Alan Howard The Don McLean Story: Killing Us Softly With His Songs - erschienen bei lulu.com


Renate Rossbacher ist freie Autorin. 1998 hat sie ihren Lyrik-Band "Man wird nicht reif, man wird nur müde" im Karin Fischer Verlag veröffentlicht; seitdem weitere Gedichte und Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien.


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