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Das wahre Leben im Roman

24.05.2011
Umweltkatastrophen, Krankheiten, Skandale: Reale Ereignisse inspirieren Filmemacher und Literaten.

Alzheimer, Fukushima, königliche Fehltritte oder gestrauchelte Idole: Immer häufiger finden sich aktuelle Themen, die für Schlagzeilen sorgen, in Romanen, Filmen und Fernseh-Dokumentationen wieder, die großes Echo hervorrufen.

Gut oder schlecht – es sind doch meist nur die großen, wirklich unheilvollen Katastrophen und die Schicksalsschläge prominenter Persönlichkeiten, denen entsprechende Beachtung geschenkt wird. Sie erregen Aufmerksamkeit und lenken oft erst den Blick auf ein Problem, das viele Menschen betrifft und einen letztendlich auch einmal selber betreffen könnte.


Verwundbar. Verlassen. Heimatlos.

So hat der Freitod von Gunter Sachs einmal mehr die Frage aufgeworfen, was es denn mit "Alzheimer" - diesem Schreckgespenst unter den Alterserscheinungen - wirklich auf sich hat; wenn einer wie er, der sich davon bedroht sah, diesem Schicksal zu entgehen versuchte, indem er freiwillig aus dem Leben schied.

Dem österreichischen Schriftsteller Arno Geiger ist es in seinem erst kürzlich erschienenen Roman "Der alte König in seinem Exil" - eine zu Herzen gehende Vater-Sohn-Geschichte, die gleichermaßen fesselt und berührt – gelungen, über seine eigene Betroffenheit hinweg auch jedem anderen ein Bild davon zu vermitteln, was es heißt mitzuerleben, wie "bedächtig, unauffällig" diese Krankheit "ein Netz" über einen Menschen zieht, in das er längst tief "verstrickt" ist, ehe alle anderen um ihn herum davon etwas bemerken.

Eine Krankheit, die dem Betroffenen in "seiner inneren Zerrüttung" auf bittere Weise das "Gefühl der Geborgenheit" nimmt und ihn "heimatlos" werden lässt. Jede menschliche Geschichte, so tragisch sie auch sein mag, lässt seltsamerweise dennoch Spielraum für helle Momente, für Lebendiges, Heiteres und berührt und belustigt; in diesem Roman sogar auf ganz besondere Weise.


Fukushima mon amour

Zwei Monate nach dem verheerenden Erdbeben in Japan hat der französische Schriftsteller Daniel de Roulet am 11. Mai seinen "Brief an eine japanische Freundin", die er zu jener Zeit weder per E-Mail noch per Handy erreichen konnte, von der er aber mittlerweile weiß, das es ihr – soweit man das angesichts der Lage sagen kann - gut geht, in Bändchenform veröffentlicht. De Roulet lässt den Leser über 42 Seiten lang an seinen Sorgen um einen ihm nahestehenden Menschen, aber auch an seinem Zorn über Politik und die Internationale Atombehörde teilhaben.

Was diesen Brief zu etwas besonderem macht, ist das Wissen des Autors um die Mentalität der Japaner; die ihn – den Europäer – bei seinen Aufenthalten in Tokio, in Diskussionen mit Studenten und Gesprächen mit eben dieser japanischen Freundin auch an gewisse Grenzen geführt hat.

Denn dass "Fremde" sich in ihr "Unglück" einmischen, indem sie sich mit ihnen zu identifizieren versuchen, verstört nach de Roulets Erfahrung Menschen in Japan enorm, auch wenn die meisten höflich genug sind, das nicht auszusprechen. Sie sehen ihr Unglück allein als ihr Schicksal an, von dem andere nicht betroffen sind, weswegen diese auch gar nicht wissen können, was es heißt, davon betroffen zu sein.


Besser sich den eigenen Problemen widmen

Bereits zu früheren Zeiten stießen europäische Filmemacher, die in Hiroshima und Nagasaki recherchierten, um die dramatischen Ereignisse der 40er-Jahre filmisch aufzubereiten, immer wieder auf "japanisches" Befremden und die ablehnenden Worte "Du weißt gar nichts von Hiroshima."

Doch nur ein einziger japanischer Student brachte den Mut auf, dem Autor, der auch dieses Thema zur Diskussion gestellt hatte, drastisch vor Augen zu führen, auf welche Weise die japanische Seele davon berührt wird; denn "wenn ein Europäer in einem Roman von Hiroshima spreche, sei das so geschmacklos als würde ein Japaner ein Videospiel mit Auschwitz-Krematorien entwerfen".

Daniel de Roulet hat allerdings auch andere Kernkraftwerke auf dieser Welt besucht und weiß darum auch um jene tragische Geschichte, die sich 1946 im amerikanischen Hanford ereignete. Dort, wo man einst "Plutonium am Fließband produziert hat", und ganze Indianervölker bewusst verstrahlt wurden, "weil man die Auswirkung radioaktiver Strahlung" an Menschen "testen wollte".


Die nackte Wahrheit

Vermutlich belustigen wird den Leser hingegen der 2007 erschienene Bildband von Manfred Deix mit dem Titel "Arnold Schwarzenegger – Die nackte Wahrheit", den man angesichts der aktuellen Schlagzeilen als unvollendet bezeichnen könnte. Immerhin gibt es angeblich nur eine Handvoll Menschen auf dieser Welt, die so bekannt sind wie Schwarzenegger, auch wenn Lady Gaga ihn in dieser Rangliste längst überflügelt hat.


Unten durch

Wer eher an den Fehltritten gekrönter Häupter interessiert ist, sollte sich nicht die 3-teilige - als seriös recherchiert angekündigte - TV-Dokumentation "Königliche Affären" entgehen lassen, die heute (Dienstag, 24.5.) im ZDF startet und sich in der ersten Folge mit dem Doppelleben des schwedischen Königs auseinandersetzt.


Buchtipps

Arno Geiger Der alte König in seinem Exil - erschienen im Hanser Verlag

Martin Suter Small World - erschienen im Diogenes Verlag

Daniel de Roulet Fukushima mon amour - erschienen bei Hoffmann und Campe

Aki Shimazaki Tsubaki - erschienen im Kunstmann Verlag

Manfred Deix Arnold Schwarzenegger - Die nackte Wahrheit - erschienen im Ueberreuter Verlag


Renate Rossbacher ist freie Autorin. 1998 hat sie ihren Lyrik-Band "Man wird nicht reif, man wird nur müde" im Karin Fischer Verlag veröffentlicht; seitdem weitere Gedichte und Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien.


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