Wen nicht das Meer, die Sehenswürdigkeiten, das innovative Design oder das liberale gesellschaftliche Klima in die Radfahrer-Stadt Kopenhagen locken, der kommt vermutlich aus Liebe zur Musik hierher. Zwar ist dänischen Sängern und Bands nicht so häufig wie ihren schwedischen und norwegischen Kollegen der Sprung in die internationalen Charts vergönnt; dafür ist Kopenhagen eine Jazz-Metropole von Weltrang.
Zeit für Jazz
Namhafte amerikanische Jazz-Größen, die sich im Laufe ihres Lebens in der Hauptstadt niederließen, waren die Initialzündung: der Saxophonist Stan Getz, der Tenor-Saxophonist Ben Webster, Kontrabassist Oscar Pettiford oder Pianist Kenny Drew. Unter ihrem Einfluss entwickelte sich eine eigenständige dänische Jazz-Szene, die sich regelmäßig im legendären Jazzhus oder bei diversen Festivals ein musikalisches Stell-Dich-Ein gibt; das nächste Mal beim Copenhagen-Jazz-Festival Anfang Juli.
Wer die Jazz-Ikonen von einst treffen will, muss einen Abstecher zum Friedhof Assistens Kierkegaard machen: Dort sind Ben Webster, Oscar Pettiford und Kenny Drew begraben; in bester dänischer Gesellschaft - angeführt vom populären Märchenerzähler Hans Christian Andersen, dem Philosophen Sören Kierkegaard oder dem Physiker Niels Bohr.
Grabesstimmung überkommt den Besucher hier kaum, vor allem im Sommer, wenn die Bewohner von Kopenhagen in großer Zahl das weitläufige Friedhofsgelände zum Picknicken, Sonnenliegen, Joggen, Radfahren und Lesen nutzen.
Dänische Bibliothek
Nicht nur die dänische Medienlandschaft bietet dazu reichlich Stoff - etwa die linksliberale Politiken, die erst vor wenigen Tagen vom European Newspaper Congress zur Zeitung des Jahres 2011 gekürt wurde; auch in der dänischen Literatur finden sich zahlreiche Klassiker, die auch hierzulande bekannt sind. "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" von Peter Hoeg, der diese Woche seinen 54. Geburtstag feiert, ist nur einer davon.
Wenn man die Stadt Richtung Rungstedlund verlässt, begibt man sich auf die Spuren von Tania Blixen (1885 - 1962), deren literarischer Erlebnisbericht "Afrika, dunkel lockende Welt" bis heute nichts von seiner Faszination verloren hat. Die Lebensgeschichte der Schriftstellerin, die nach Jahren am Schwarzen Kontinent wieder in ihre dänische Heimat zurückkehrte, ist vor allem eine Liebeserklärung an Afrikas Einwohner, dessen weite Landschaften und ihre große Liebe Denis Finch Hatton.
Jahre später feierte der biografische Roman seine Wiederentdeckung dank der oscar-prämierten Sydney Pollack-Verfilmung "Jenseits von Afrika"; seit letztem Jahr liegt das Buch überdies in einer lesenswerten Neuübersetzung vor.
Kopenhagen - einfach märchenhaft
Zurück in der Hauptstadt begegnet der Besucher Hans Christian Andersen (1805 - 1975) auf Schritt und Tritt. Straßenschilder, Büsten und Straßennamen erinnern an den populären Märchenerzähler, und: die kleine Meerjungfrau.
Die 1,25 m große Figur, die 1913 auf einem Felsen im Hafen von Kopenhagen Platz genommen hat, blickt allerdings auf eine leidvolle Geschichte zurück: Sie wurde schon übermalen, enthauptet, von einer Burka verhüllt und - weggesprengt. Jedesmal wurde sie wieder liebevoll instandgesetzt und erscheint dadurch dem Betrachter unversehrt wie eh und je.
Märchenhaft erscheint auch das Tivoli, einer der berühmtesten Vergnügungsparks der Welt. Die Mischung aus Erholungszentrum, Veranstaltungsort und lebendiger Lokalmeile ist vor allem am Abend ein Erlebnis, wenn 120.000 bunte Glühlämpchen das Areal mit seinen - an Märchenschlösser erinnernden - Gebäuden erleuchten.
Rock unter freiem Himmel
Eine gute Gelegenheit, dänische Pop- und Rockmusik zu erleben, bietet in den Sommermonaten die Freilichtbühne Plaenen: Jeden Freitag sind dort ab 22 Uhr live (und bei freiem Eintritt) dänische Künstler zu erleben ("Fredagsrock").
Mit internationalen Bands wartet hingegen das Roskilde-Festival ein paar Kilometer weiter weg auf, das Anfang Juli bereits zum 40. Mal über die Bühne geht und traditionell zehntausende Musik-Fans aus ganz Europa anlockt.
Der Staat in der Stadt
Einen Besuch wert ist Christiana - ein Freistaat mitten in Kopenhagen. Vor 40 Jahren - am 13. November 1971 - besetzten Hunderte Hippies, Linke und Aussteiger das stillgelegte Militärgelände und bildeten eine basisdemokratische Gemeinschaft mit dem Ziel, sich selbst zu verwalten und zu erhalten. Versuche der dänischen Regierung, das soziale Experiment zu beenden, scheiterten - am Widerstand der Besetzer, aber auch am Willen der Bevölkerung, deren Solidarität mit den Christianitern stetig wuchs.
In diesem Frühjahr haben die rund 1.000 Bewohner auf Kreditbasis für umgerechnet 20 Millionen Euro das Gelände von Dänemark abgekauft. Beim Vorübergehen an den bunt gestalteten Häuserreihen fühlen sich die Hunderttausenden Reisenden, die jährlich aus aller Welt hierher pilgern, unweigerlich in die Aufbruchzeit der 70er-Jahre zurückversetzt.
Zwischen Freiheit und -geist
Ein Freigeist, der auch die Geschichte der Gesellschaft außerhalb von Christiana prägt: Als erstes Land der Welt führte Dänemark 1989 die zivilrechtliche Partnerschaft für Homosexuelle ein. Oder: das Ziel "Bildung für alle" ließ auf dänischem Boden die weltweit erste Volkshochschule entstehen, die auf eine Initiative des Geistlichen Nikolaj Grundtvig (1783 - 1872) zurückgeht.
Einen besonderen Schutz genießt in Dänemark jedoch die Pressefreiheit. Diese geriet ins Visier, als 2005 die Veröffentlichung von zwölf Mohammed-Karikaturen in der Tageszeitung Jyllands-Posten Proteste und Boykott-Aufrufe in der arabischen Welt, Anschläge der Al Kaida und Morddrohungen gegen führende dänische Journalisten und Zeichner nach sich zog.
Nach heftigen Diskussionen kamen Dänemarks Politiker und Gerichte schließlich überein: Pressefreiheit schließt ein, sich satirisch mit Religionen auseinanderzusetzen - in Wort: und Bild. (Im Islam ist eine bildliche Darstellung von Mohammed untersagt.)
Ein Fall, der für jene noch lange nicht abgeschlossen ist, die auf Rache sinnen. Erst vor wenigen Monaten konnte von den Behörden ein Anschlagsversuch auf die Redaktionen der Zeitungen Politiken und Jyllands-Posten und Attentate gegen den Karikaturisten Kurt Westergaard vereitelt werden.
Wer heute die Verlagshäuser passiert, dem stechen unweigerlich die Wachposten ins Auge, die die Gebäude umstellt haben und diese rund um die Uhr bewachen. - Freiheit, die ihren Preis hat.
Dänische Filmkunst im Zeichen von Dogma 95
Für seine Vorstöße ist Dänemark bekannt - nicht nur in der Politik (z.B. Wiedereinführung der Grenzkontrollen ab dem Sommer). Mit ihrem "Dogma 95" präsentierten die dänischen Regisseure Lars von Trier, Thomas Vinterberg, Kristian Levring und Sören Kragh-Jacobsen vor 16 Jahren in Paris eine Erklärung, in der sie sich zu unverfälschten Filmproduktionen verpflichteten.
Das bedeutete: Drehen nur an Originalschauplätzen, Verzicht auf Filter, Kunstlicht und sonstige technische Effekte; aber auch auf Mordszenen und Waffen. Gefilmt wird ausschließlich mit der Handkamera, um Orte und Menschen so authentisch wie möglich zu zeigen.
Exemplarisch für Dogma 95 sind die mehrfach preisgekrönten Filme Idioten (Lars von Trier), Italienisch für Anfänger (Lone Scherfig) oder Das Fest (Thomas Vinterberg), der übrigens am Dienstag, den 24. Mai, um 20:15 in 3sat zu sehen ist.
Auch Theaterfreunde kommen am Staate Dänemark nicht vorbei; nicht weil hier etwas faul ist, wie Shakespeare-Held Hamlet einst mutmaßte, sondern viel mehr, weil etwas neu ist: Schloss Kronborg in Helsingör, der Schauplatz des legendären Klassikers, soll ab 2012 saniert den Besuchern offenstehen.
Lesetipps
Tania Blixen Jenseits von Afrika (Neuübersetzung) - erschienen im Manesse Verlag
Hans-Christian Andersen Die Märchen: 3 Bände - erschienen im Insel Verlag
Danish Photographers: Helena Christensen, Jens Fink-Jensen, Krass Clement, Jacob Holdt, Jan Grarup, Jesper Just, Mary Willumsen - erschienen in englischer Sprache bei Books Llc
Richard Cook Wallpaper* City Guide Kopenhagen - erschienen bei Phaidon
Joakim Garff Kierkegaard: Biografie - erschienen bei Deutscher Taschenbuch Verlag
Filmtipp
Thomas Vinterberg Das Fest (DVD) - freigegegeben ab 12 Jahren
Albentipps
Stan Getz and the Oscar Peterson Trio The Silver Collection (Album) - Verve (Universal)
Ben Webster Live at Jazzhus - Jazzcolour (DA Music)
The Raveonettes Raven in the Grave - Rykodisc (Warner)
Nephew Usadsb - Polydor (Universal)
Ute Rossbacher ist Redakteurin bei relevant

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