"Passen Sport und Literatur denn überhaupt zusammen?" wurde der mittlerweile verstorbene deutsche Lyriker Robert Gernhardt aus Anlass der 2006 in seinem Land ausgetragenen Fußball-WM von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gefragt. Die Antwort darauf findet sich in den Werken jener Dichter, die durch ihre persönliche Faszination für ihre Lieblingssportart zu Geschichten und Romanen inspiriert wurden.
Einer von ihnen ist der mit zahlreichen Preisen gewürdigte westaustralische Schriftsteller, leidenschaftliche Hobby-Surfer und Angler Tim Winton, der längst zu den erfolgreichsten und bedeutendsten Autoren seines Landes zählt.
Schreiben ist wie Surfen
Wenn einer um das Glücksgefühl weiß - "in dem kochenden Nest aus Schaum ganz oben auf ihrer Spitze aufgehoben" - von einer Welle überholt bzw. getragen zu werden und auf "diesem geifernden Chaos" dahinzuschlittern, dann ist es der mittlerweile 50-jährige bekennende Blues-, Jazz-, Funk- und Grunge-Fan, der Handys hasst und sich nach eigenen Angaben über Jogger nur wundern kann.
Mit seinem Roman "Atmen" – im letzten Jahr als Taschenbuchausgabe erschienen – ist es Tim Winton gelungen, selbst Nicht-Surfern etwas von der Faszination zu vermitteln, die Menschen dazu verleitet, im Kampf mit gewaltigen Brechern und Monsterwellen an körperliche und manchmal auch lebensgefährliche Grenzen zu gehen. Er erspart in dieser spannenden Geschichte um vier Menschen, die in merkwürdige Abhängigkeiten miteinander geraten, allerdings auch nicht die Schilderung der dramatischen, zuweilen sehr schmerzhaften "Lektionen des Meeres" - da, wo aus "überbordendem Selbstbewusstsein" eine Herausforderung angenommen wird, der man nicht gewachsen ist.
Das Gefühl, über Wasser gegangen zu sein
In Rückblenden lässt der Dichter seinen gleichaltrigen Ich-Erzähler Bruce Pike dessen prägende Erlebnisse schildern; die ihm als 15-Jährigen das Gefühl gaben, im Trio mit seinem gleichaltrigen Freund Loonie und dem wesentlich älteren Surfer Sando, der großen Einfluss auf die beiden Jugendlichen gewinnt und sie zu immer waghalsigeren Unternehmen anstachelt, einem "elitären Club" anzugehören. An dem Punkt angelangt, wo einer der beiden Jungen - der Vernunft folgend - eine Herausforderung, der er sich nicht gewachsen sieht, nicht annimmt, zerbricht auch das bis dahin verschworene "ungleiche Trio".
"Die Zeit verwundet alles Heile"
Der mit einem Mal ausgegrenzte und alleingelassene einzelgängerische Ich-Erzähler, der in ein tiefes emotionales Loch fällt, wird in dieser Phase - ohne dass ihm das in seiner jugendlichen Naivität bewusst ist - durch erste sexuelle Erlebnisse mit der zehn Jahre älteren Frau seines Idols auch in dieser Hinsicht auf eine Weise geprägt, die in seinem späteren Leben nicht nur zum Scheitern seiner Ehe führen wird.
"Es hilft nur Schweigen"
Was bleibt, sind Erinnerungen an das gefühlte "Wellenglück". Denn obwohl inzwischen "ein alter Mann" bzw. "trotz des ganzen Unsinns, den ich angestellt habe" misst der Erzähler "noch immer jeden freudigen Augenblick, jeden Sieg und jede Erkenntnis an diesen wenigen Sekunden des Lebendigseins".
Am 11. Mai erscheint übrigens der Fotoband "Smalltown" mit lyrischen Texten, die Tim Winton zu den wunderbaren Landschaftsaufnahmen des Fotografen Martin Mischkulnig - Sohn österreichischer Emigranten, die seit Anfang der 60er-Jahre in Australien leben - verfasst hat. Die großformatigen Farbfotos lenken den Blick auf bizarre, humorvolle und öde Aspekte australischer Kleinstädte und wurden im letzten Jahr in einer erfolgreichen Ausstellung in Sydney gezeigt.
Laufstationen
Nicht ganz so spannend geht es in Haruki Murakamis Lauftagebuch "Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede" zu. Der japanische Autor hält darin Gedanken zu seinem konsequenten Lauftraining fest und beschreibt in aller Ausführlichkeit seinen ersten Marathonlauf von Athen nach Marathon, seine Vorbereitung auf den New York-Marathon, gibt einen Überblick über Trainingsmethoden und Ausrüstung und zieht Vergleiche zwischen dem Laufsport und dem Schreiben.
In beiden Fällen unterbricht er seine Anstrengungen "stets an dem Punkt", an dem er das Gefühl hat, er "könnte eigentlich noch weiter" - schreiben oder laufen, das macht für ihn keinen Unterschied. In beiden Fällen wird der "gleiche Trick" angewandt und darauf geachtet, "das Wohlbefinden auf den nächsten Tag zu übertragen".
Nordic Walking – ganz ohne Regeln
Bei Paulo Coelho, der nicht nur seinen Gang über den Jakobsweg literarisch verarbeitet hat, findet sich in dem Buch "Sei wie ein Fluß, der still die Nacht durchströmt" unter den 103 Geschichten und Gedanken auch einiges zum Thema Gehen und Wandern; unter anderem ein von ihm verfasstes – auf elf Regeln beschränktes - "Handbuch für Bergsteiger".
Der brasilianische Schriftsteller bekennt sich zum Gehen mit Stöcken, das er sich einst "auf einem nächtlichen Spaziergang im Stadtzentrum von Stockholm" von einer Unbekannten abgeschaut hat. Viel später erst hat er entdeckt, dass diese Art des Gehens einen eigenen Namen hat, es dafür auch eine spezielle Ausrüstung bzw. natürlich auch gewisse Regeln gibt, an die er sich aber – wie er in diesem Buch bekennt - nicht unbedingt hält.
Lesetipps
Tim Winton Atmen - erschienen im btb Verlag
Tim Winton Weite Welt. Australische Geschichten - erschienen im btb Verlag
Tim Winton Der singende Baum - erschienen im btb Verlag
Tim Winton & Martin Mischkulnig Smallville - erscheint am 5. Mai 2011 in englischer Sprache bei Penguin Global
Haruki Murakami Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede - erschienen im Dumont Verlag
Daniel de Roulet Die blaue Linie - erschienen im Limmat Verlag
Paulo Coelho Sei wie ein Fluss, der still die Nacht durchströmt - erschienen im Diogenes Verlag
Renate Rossbacher ist freie Autorin. 1998 hat sie ihren Lyrik-Band "Man wird nicht reif, man wird nur müde" im Karin Fischer Verlag veröffentlicht; seitdem weitere Gedichte und Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien.

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