Nun ist er also dahin, der Pröll Josef. Und alle Kommentatoren bewundern einen "starken Abgang". Schließlich habe er sich getraut, die politische Kultur zu kritisieren, sogar gegenüber der eigenen Partei harte Töne anklingen zu lassen und - seine Gesundheit sowie seine Familie über die Karriere zu stellen. Eine beeindruckende Offenheit.
Warum hört man solche Statements von Politikern nur zu einem Zeitpunkt, wenn eh schon alles wurscht ist?
Geblendet vom Scheinwerferlicht, gehypt vom Medieninteresse und dem Gefühl bei einem historischen Moment dabei zu sein, verfielen sogar Prölls ehemalige Widersacher unisono in huldvolle Respektbekundungen. Eine Tonalität hielt Einzug, die sonst nur bei Nachrufen angeschlagen wird.
Warum wird erst dann respektvoll miteinander umgegangen, wenn Größe eh keine Bedeutung mehr hat?
Josef Prölls Schritt in Richtung Raiff...- äh, Privatleben und in Richtung Gesundheit ist natürlich ein richtiger. Dafür gebührt ihm Respekt. Er ist abgebogen, bevor ihn vielleicht das Schicksal der ehemaligen ÖVP-Kollegin Liese Prokop ereilt hätte. Überhaupt: Gesundheit, der von Josef Pröll in seiner Abschiedsrede angesprochene "Anstand" sowie Menschlichkeit – das alles sollte immer ganz oben stehen.
Warum stellen sich Politiker erst dann als Menschen dar, wenn es geht, Unvereinbarkeit zu rechtfertigen?
Nun ist er also dahin, der Pröll Josef. Und kurz flackerte Mut auf - bei ihm und bei seinen Gegnern. Ein Strohfeuer. Denn zurück im politischen Alltag kriegen wir wieder laue Suppe serviert. Der neue Ober-ÖVPler Michael Spindelegger legt gleich mal die Latte möglichst tief. Gegenüber dem Kurier schließt er eine Koalition mit der FPÖ nicht aus und verdünnt noch weiter: "Ich bin weder so noch so festgelegt."
Qualitäten, die Leadership ermöglichen, gibt's bei unseren Politikern nur im Moment eines Abgangs. Größe nur, wenn’s eh schon wurscht ist.
Sascha Bém ist Chefredakteur von relevant.at
sascha.bem[at]relevant.at

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