Wien Wolkig Nebel 17.1°C
Quelle: ZAMG

Kolumnen

Renate Rossbacher

kulturlounge Ystad, Stockholm, London: Krimi-Reisen liegen im Trend.


Manuel Simbürger

Inside Out Life Ball 2012: Fast-Live-Ticker zum Ball der Bälle.


Sascha Bém

provokant SMFPK? - Wenn sich Männer nach "Tetschn" sehnen.


Ute Rossbacher

Media's Digest Stars und Sternchen einmal anders: ein Blick in die Welt der Astrologie.


Markus Berndt

HR quergedacht Die ignorierten eierlegenden Wollmilchsäue.


Dr. Erdal Cetin

Inside OP Fersensporn: Schmerzhaft und langwierig zu behandeln.


Werner Becher

FrechDAX Bye Bye, Griechenland.

Interviews

Bildergalerien

Weitere Meinungsthemen

kulturlounge - die Literaturkolumne

Relevant Media

- kulturlounge

Der Tagebuchroman

12.04.2011
Leben zwischen Fiktion und Wirklichkeit.

Schon eine Weile her, seit die britische Autorin Helen Fielding mit "Bridget Jones' Diary" die zweifellos bekannteste, fiktive Tagebuchschreiberin der Unterhaltungsliteratur ins Leben gerufen und mit dieser - permanent in der Krise befindlichen Singlefrau, die auf der verzweifelten Suche nach Mr. Right von Jänner bis Dezember Kalorien und Katastrophen zählt - einen unglaublichen Erfolg gelandet hat. Die Resignation der knapp über 30-Jährigen geht bekanntlich soweit, dass zwischendurch "vier bis fünf Rubbellose am Tag" ersatzweise als Hoffnung auf ein bisschen Glück herhalten müssen.


Wahr oder fiktiv?

Doch "um dieser kleinen Gans" Bridget Jones endlich klarzumachen, dass Männer - auch wenn sie von Frauen vor allem das Eine wollen - "sich nicht davon abhalten lassen, sie zu lieben", hat sich zehn Jahre später ein anderer fiktiver Tagebuchschreiber namens Oscar Dufrese in Frédéric Beigbeders "Der romantische Egoist" zu Wort gemeldet. Die Schwäche für Rubbellose teilt der französische "Taugenichts" mit seiner britischen Konkurrentin; mehr Gemeinsamkeiten scheint es auf den ersten Blick nicht zu geben.

Der französische Autor, der dafür bekannt ist, in seine Romane immer wieder Autobiografisches einfließen zu lassen, lässt seinen Helden in diesem Tagebuchroman auch reale Begegnungen und Ereignisse festhalten, wie beispielsweise den 11. September 2001: "Die Twin Towers sind eingestürzt. Nachmittags Schwimmbad."

"Tagebuchschreiben heißt beschließen, dass das eigene Leben aufregend ist", hält der 34-Jährige im Kampf gegen Monotonie und Stillstand fest und widmet sich vor allem den vergnüglichen Seiten des Lebens, zu denen Promipartys ebenso gehören wie Sex und Alkohol. Er trifft Clint Eastwood und sitzt auch schon mal im VIP-Room neben Robbie Williams, der seiner Meinung nach im "taillierten Nadelstreifanzug wie ein Banker aus der City" aussieht. Dass es mit der Liebe am Ende doch nicht klappt, ist eine andere Geschichte, am guten Willen hat es nicht gemangelt; aber, wie das so ist im Leben, gehören dazu eben immer noch zwei.


Sieben Tage und nicht mehr

In der Liebe läuft es auch bei Markus Erdmann nicht unbedingt wunschgemäß. Der unter Druck arbeitende Gag-Schreiber aus Hamburg ist an einem Punkt seines Lebens angekommen, den man durchaus als Krise bezeichnen kann, beschränkt sich allerdings bei seinen Tagebuchaufzeichnungen auf nur sieben Wochentage, da sich seiner Ansicht nach ohnehin alles in Reihenfolge und Ereignislosigkeit zu wiederholen scheint. In seinem Stimmungstief kommt er an einem Montag, der sich von anderen Montagen kaum unterscheidet, schon mal zu Schlussfolgerungen wie – "die Steinzeit ging auch nicht zu Ende, weil die Steine ausgingen".

Der permanent Unzufriedene, der sich vor dem Fernseher, mit den Mitmenschen und auch in seiner Beziehung nur noch langweilt und darüber hinaus auch von so ziemlich allem anderen angeödet ist, sorgt mit seinen Aufzeichnungen zeilenweise für wahre Erheiterung. Mit dem Satz "Mein Niedergang geht in die letzte Phase" und der Frage "Wie ich wohl im Schlaf aussehe?" erreicht er nach sechs Tagen am Samstag endlich das andere Ufer.

Der deutsche Musiker und Schriftsteller Heinz Strunk hat sich bereits mit seinem Erstlingswerk "Mein Fleisch ist mein Gemüse" eine ansehnliche Stammleserschaft erschrieben; die ihm auch bei seinem Tagebuchroman "Die Zunge Europas" die Treue gehalten hat und – wie man an den Auflagen sehen kann – bereits ungeduldig auf das Anfang Jänner dieses Jahres erschienene Reisetagebuch "Heinz Strunk in Afrika" gewartet hat.


Das wahre Leben

Wesentlich ernsthaftere Gedanken finden sich in den Tagebüchern realer Dichter, die zuweilen allerdings die Vermutung zulassen, dass sie bereits für die Nachwelt geschrieben wurden. So stellt sich an einem Montag im April des Jahres 1925 die englische Dichterin Virginia Woolf in ihren Notizen schon einmal die Frage, was wohl "aus all diesen Tagebüchern" werden würde nach ihrem Tod.

"Ich glaube durchaus, dass ein kleines Buch in ihnen steckt", ist sie überzeugt und spielt mit dem Gedanken, dass man die Tagebücher ja vielleicht eines Tages sogar veröffentlichen könnte. - Und das ist schließlich auch geschehen.


Autobiografisches interessiert ...

"Ich möchte schreiben – ich möchte in einer intellektuellen Atmosphäre leben", notierte die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag im Alter von 16 Jahren in einem ihrer Tagebücher, die im März letzten Jahres auch in deutscher Übersetzung erschienen sind.

"Mein Wunsch zu schreiben hängt mit meiner Homosexualität zusammen", hält sie zehn Jahre später fest und gesteht ein, dass sie sich durch ihre lesbische Veranlagung "angreifbarer" fühle und das Schreiben ihr als "Gegenstück zu der Waffe" diene, die "die Gesellschaft gegen mich einsetzt".

Der für die Herausgabe der Tagebücher verantwortliche Sohn David Rieff schreibt in seinem Vorwort: "Unter den amerikanischen Autorinnen und Autoren ihrer Generation war niemand stärker an Europa orientiert als meine Mutter." Und hofft, dass sie – die sowohl als Leserin wie auch als Schriftstellerin Tagebücher und Briefe liebte - gutheißen würde, was er getan hat.


Lesetipps

Heinz Strunk Die Zunge Europas - erschienen im Rowohlt Verlag

Heinz Strunk Heinz Strunk in Afrika - erschienen bei Rowohlt Polaris

Heinz Strunk Fleisch ist mein Gemüse: Eine Landjugend mit Musik - erschienen bei rororo

Frédéric Beigbeder Der romantische Egoist - erschienen bei Ullstein Taschenbuch

Frédéric Beigbeder Ein französischer Roman - erschienen im Piper Verlag

Helen Fielding Schokolade zum Frühstück & Bridget Jones am Rande des Wahnsinns - erschienen im Goldmann Verlag

Susan Sontag Wiedergeboren: Tagebücher 1947-1963 - erschienen bei Hanser Belletristik

Virginia Woolf Gesammelte Werke. Tagebücher - erschienn im Fischer (S) Verlag Frankfurt


Renate Rossbacher ist freie Autorin. 1998 hat sie ihren Lyrik-Band "Man wird nicht reif, man wird nur müde" im Karin Fischer Verlag veröffentlicht; seitdem weitere Gedichte und Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien.

Home
Meinung
Politik
Chronik
Wirtschaft
Sport
Kultur
Society
Life
Reise
Motor
Hightech