Quelle: ZAMG

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Dr. Erdal Cetin

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Experten fordern mehr Gender-Medizin

22.03.2012 - 16:41
Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen nehmen zu© APA (dpa)Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen nehmen zu

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Österreich Todesursache Nummer eins. Ein besonderes Augenmerk kommt dabei den Frauen zu. Experten forderten am 29. Ernährungskongress in Wien nun den Ausbau von Gender-Medizin.

Mit zunehmenden Alter ist nämlich eher das weibliche als das männliche Geschlecht betroffen. In jungen Jahren haben Frauen zwar seltener Probleme, jedoch haben sie in diesem Alter eine besonders hohe Sterblichkeit. "Insgesamt sind Frauen - auch wenn sie länger leben - in der Diagnose und Behandlung meist schlechter dran. Das ist ein Fakt", sagte Alexandra Kautzky-Willer von der Universitätsklinik Wien für Innere Medizin und seit 2010 Lehrstuhlinhaberin für Gender-Medizin an der MedUniWien. Kommt es etwa zu einem Infarkt, werden bei Frauen die Symptome oft nicht richtig gedeutet, weil sie sich anders als bei Männern präsentieren. Neben den "klassischen" Infarkt-Symptomen sind es bei Frauen vielfach - und manchmal ausschließlich - unspezifische Anzeichen wie Atemnot, Müdigkeit, Rücken- oder Bauchschmerzen, geschwollene Beine, die das kardiale Ereignis ankündigen. Diese werden jedoch mangels Wissens oft von den weiblichen Betroffenen bagatellisiert - manchmal mit fatalen Folgen.

Genauso sind vom Broken Heart Syndrome, das durch massiven Stress ausgelöst wird, fast nur Frauen betroffen. Die Chance, von der dem Herzversagen ähnlichen Erkrankung wieder gesund zu werden, ist gegeben; bisweilen führt aber auch sie zum Tod. Auch bei Herzschwäche oder bei Arteriosklerose sind physiologisch geschlechtsspezifische Unterschiede festzustellen.

Und: Raucherinnen haben ein um 25 Prozent höheres Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden als rauchende Männer. "Frauen rauchen anders, sie inhalieren anders", erklärte Kautzky-Willer die Gründe. Hinzu kommt, dass sich Frauen mit dem Aufhören schwerer tun, weil sie Angst haben zuzunehmen.

Bei menopausalen Frauen ab etwa 50 Jahren steigt das Risiko durch den Östrogen-Abfall und eine Stoffwechselverschlechterungen. Einer damit einhergehenden Gewichtszunahme und Entwicklung von Bauchfett lässt sich laut Diaetologen nur durch eine adäquate Ernährung und ausreichende Bewegung gegensteuern. "Die Nahrungszufuhr geht zwar ab 50 zurück, doch auch die Bewegung und im Endeffekt bleibt in der Bilanz ein Plus stehen", so Kautzky-Willer.

Niedergelassene Ärzte und ihre Kollegen in den Krankenhäusern würden den geschlechtsspezifischen Unterschieden zwischen Frauen und Männern in Sachen Gesundheitsrisiken schon seit einiger Zeit vermehrte Aufmerksamkeit widmen, sagte Kautzky-Willer. Damit kommt auch der "geschlechtsspezifischen Prävention" mehr Bedeutung denn je zu.

Doch ortet die Ärztin noch Defizite, zum Beispiel bei der Vorsorgeuntersuchung, die - im Großen und Ganzen abgedeckt durch ein Blutbild - nicht auf genderspezifische Eigenheiten Rücksicht nimmt. Sie fordert daher dringend Änderungen in diesem Bereich, umso mehr, als sich diverse aktuelle Behandlungsleitlinien, etwa zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes, bereits in die Richtung Gender-Medizin bewegen.

"Leider gibt es noch keinen Facharzt für Gendermedizin", bedauerte die Ärztin. Enttäuscht zeigt sich Kautzky-Willer auch darüber, dass die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) vor kurzem dem Ansuchen, eine Fortbildung zu einem ÖÄK-Diplom für Gender-Medizin zu gestalten, eine vorläufige Absage erteilt hat. Begründung: Die entsprechenden Inhalte würden bereits im Studium abgedeckt werden. "Das ist natürlich nicht richtig, eine lebenslange Fortbildung ist gerade in einem so jungen und stetig wachsenden Fachbereich besonders notwendig", meint Kautzky-Willer, "wir werden daher weiter um eine solche Fortbildung kämpfen".

(APA)

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