Rund 1,4 Millionen Österreicher leiden an einer psychiatrischen Erkrankung. Auch in den kommenden Jahren ist ein steigender Bedarf an psychiatrischen Leistungen zu erwarten. Umgekehrt aber könnten Pensionierungen der Psychiater aus dem "Baby-Boom", Enttabuisierung dieser Erkrankungen und weniger Medizin-Absolventen die Schere zwischen Bedarf und Kapazitäten aufgehen lassen.
Das Institut für Höhere Studien (IHS) rechnet für das Jahr 2030 in einer neuen Studie mit einem Manko von rund 340 Psychiatern (Vollzeitäquivalente), hieß es am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Wien.
Die Studie wurde von der Österreichischen Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB) in Auftrag gegeben. Monika Riedl vom IHS und die Co-Autoren haben in mehreren Szenarios "Psychiatrie-Bedarf" und mehr oder weniger wahrscheinlich zur Verfügung stehende Fachärzte in diesem Bereich zwischen 2010 und 2030 berechnet. Daraus ergeben sich drei Varianten mit einem Ausgangspunkt von 1.062 Psychiatern im Jahr 2010:
- Rein demografisch bedingt (Alterung der Bevölkerung) würde der Bedarf an diesen Fachärzten bis 2030 auf 1.122 Vollzeitäquivalente steigen.
- Beim wahrscheinlichsten Szenario mit einem ausklingenden Wachstum des Bedarfs würden im Jahr 2030 dann 1.267 Psychiater für die Versorgung notwendig sein (plus etwa 20 Prozent).
- Kommt es zu einer starken "Ambulantisierung" der Psychiatrie, würden um 50 Prozent mehr Fachärzte benötigt.
Auf der anderen Seite bedingen die in den kommenden Jahren anstehenden Pensionierungen - das Durchschnittsalter österreichischer Psychiater beträgt "50+" -, weniger Medizinabsolventen (Selektion vor und am Beginn des Studiums) sowie die zu erwartende Abwanderung von ausländischen Absolventen eine Reduktion des Nachwuchses. Dies bedeutet in einem optimistischen Ansatz im Jahr 2030 nur noch 1.088 zur Verfügung stehende Psychiater (minus 179 im Vergleich zum Bedarf), in einem Hauptszenario 931 derartige Fachärzte (minus 336) und in einem pessimistischen Szenario nur noch 859 Psychiater (minus 408).
Monika Riedel: "Wir haben noch fünf oder sechs Jahre, in denen sich Angebot und Bedarf ähnlich entwickeln werden. (...) Um das Jahr 2018 müssen wir damit rechnen, dass da eine Schere aufgeht." Ab dann würde wahrscheinlich ein Mangel erkennbar werden.
Für Siegfried Kasper, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Wien, wäre es vor allem einmal wichtig, dass man psychiatrische Erkrankungen voll in die Medizin integriert und die Forschung intensiviert: "Psychiatrische Erkrankungen sind Erkrankungen des Gehirns mit systemischer Ausbreitung auch auf psychosozialer Ebene." Dem gegenüber stehe ein falsches Bewusstsein in der Bevölkerung: "Suizide sind in Österreich häufiger als tödliche Verkehrsunfälle." Die Gewichtung in der Öffentlichkeit liege aber anders. In Europa müsse man laut Berechnungen von 800 Milliarden Euro Kosten pro Jahr für psychiatrische und neurologische Erkrankungen ausgehen. Dies sollte der Gesellschaft bewusst sein.
"Raus aus der Tabuzone, Ausbildung, spezielle Maßnahmen, kreative und hilfreiche Lösungen", wünscht sich Georg Psota, Chefarzt der psychosozialen Dienste in Wien (PSD). Laut einer brandaktuellen europäischen Studie (2011) leiden innerhalb eines Jahres 14 Prozent der Bevölkerung an Angststörungen, sieben Prozent an Schlafstörungen, 6,9 Prozent an Depressionen und 5,4 Prozent der über 65-Jährigen an Demenz. Psota: "Psychiatrische Erkrankungen sind halb so häufig wie körperliche Erkrankungen." Darauf sollten Gesundheitspolitik und damit auch die Bedarfsplanung Rücksicht nehmen.
(APA)

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