Quelle: ZAMG

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Dr. Erdal Cetin

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Künstliche Augen aus Glas

08.07.2010 - 16:16
Täuschend echte Prothesen© APA (dpa)Täuschend echte Prothesen

Detailarbeit bei mehreren hundert Grad Celsius: Mit Bunsenbrenner, Pinzette und Geschick fertigen Ocularisten künstliche Augen aus Glas. In Wiesbaden arbeitet eine Dynastie von Augenprothetikern seit 150 Jahren an dieser Kunst.

Geduldig bläst Jan Müller-Uri in eine milchige Glasröhre. Mit jedem Atemstoß bläht sich das heiße Glas mehr zu einer Kugel auf. Innerhalb einer Stunde wird daraus ein künstliches Auge. Müller-Uri ist Augenprothetiker, in der Fachsprache Ocularist genannt. Er fertigt Glasaugen für Menschen, denen etwa nach einer Operation Augen fehlen. Gemeinsam mit fünf Verwandten leitet der 45-Jährige die Firma "F. Ad. Müller Söhne" in Wiesbaden, ein Institut für künstliche Augen. Der Familienbetrieb feiert am Freitag (9. Juli) 150-jähriges Bestehen.

"F. Ad. Müller Söhne" ist nach eigenen Angaben das älteste Institut dieser Art in Deutschland. "Unsere Patienten wollen einfach wieder normal aussehen", sagt Müller-Uri. "Ich versuche, die Natur so genau nachzumachen, wie es eben geht." Dazu blickt er seinen Kunden tief in ihr gesundes Auge. Er achtet auf Augenfarbe, Muster in der Iris, Äderchen auf der weißen Lederhaut. Jedes Auge ist ein Unikat und auch jedes Glasauge wird ein Einzelstück. "An der Technik, wie wir die Augen herstellen, hat sich die letzten 100 Jahre nichts verändert."

Gegründet wurde die Firma 1860 im thüringischen Lauscha von einem seiner Vorfahren, Friedrich Adolf Müller-Uri. Friedrich Adolf hatte von seinem Onkel Ludwig, dem Pionier der deutschen Augenprothetik, die Herstellung von Glasaugen erlernt. Nachdem er sein eigenes Atelier eröffnete, knüpfte er Kontakte ins Ausland und bediente bald Kunden in 14 Ländern. Nach Wiesbaden zog das Unternehmen 1874. Heute versorgen die Spezialisten jährlich etwa 8.000 Patienten in acht europäischen Ländern mit Glasaugen. Einer der bekanntesten Kunden ist TV-Moderator Frank Elstner.

An Stich- oder Schussverletzungen, wie sie im 19. Jahrhundert üblich waren, erblinden Menschen heute kaum noch. Vielmehr rauben ihnen Krankheiten das Augenlicht. Mit Augenprothesen schenken die Glaskünstler Betroffenen wieder einen harmonischen Gesichtsausdruck. "Man sieht sofort, was man getan hat, wenn ein Patient sein neues Auge einsetzt", sagt Jan Müller-Uri. Für viele sei es noch immer ein Tabu, ein Glasauge zu tragen. Umso mehr müsse die Prothese täuschend echt gestaltet sein.

Für jedes Glasauge sucht Müller-Uri einen handgefertigten Rohling mit passender Augenfarbe. Aus rund 3.000 Nuancen kann er wählen. Geschickt dreht er diesen Rohling in der Flamme des Bunsenbrenners, bis das Glas bei 700 Grad Celsius zu schmelzen beginnt. Mit bunten Glasstangen gestaltet er Äderchen und die Färbung des weißen Glases. Zum Schluss gibt er der Prothese eine gewölbte, leicht dreieckige Form. Nach dem Abkühlen klemmt sich der Patient diese Schale in die Augenhöhle. "Glasaugen waren noch nie Kugeln", klärt Müller-Uri auf. Der Kunde soll das Auge kaum spüren: "Ein gutes Glasauge vergisst man."

Ausgetauscht wird die Prothese etwa alle zwei Jahre. Tränenflüssigkeit lässt das Glas mit der Zeit matt erscheinen und es entsteht Juckreiz. Doch Glasaugen sind eher selten. Häufiger würden Kunststoff-Augen gefertigt, so Müller-Uri. Zwar stellt auch der "Augenmüller" solche Prothesen her. Wegen ihrer aufwendigen Herstellung sind sie jedoch um ein Vielfaches teurer.

Die Firma beschäftigt 19 Menschen, darunter 14 Ocularisten. Deren Ausbildung ist langwierig: Sechs Jahre lange üben sie das Glasblasen, studieren die Anatomie des Auges und lernen Krankheitsbilder. "Fingergeschick braucht man und Ruhe und Geduld", sagt die Auszubildende Alice Paulus. Lange suchte die 20-Jährige nach einem Beruf. "Es sollte etwas Künstlerisches sein, bei dem ich in der Welt herumkomme, und wenn möglich auch etwas Soziales."

INFO: www.muellersoehne.com

(APA/dpa)

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