Quelle: ZAMG

Gesundheitskolumne

Kolumne

Dr. Erdal Cetin

Kolumne

Synthetische Drogen sind auch ein soziales Problem

09.06.2011 - 14:43
Ärzte wissen nicht, mit was sie es zu tun haben© APA (Roland Schlager)Ärzte wissen nicht, mit was sie es zu tun haben

Das Marketing ist raffiniert, die Inhaltsstoffe sind den Konsumenten oft in ihrer Zusammensetzung und Dosierung nicht bekannt. Das ist die größte Gefahr, wenn es um synthetische Drogen geht, stellten Mittwochnachmittag Experten bei einer Informationsveranstaltung der AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) zum Thema der neuen Designerdrogen fest.

Sozial Benachteiligte sind offenbar besonders anfällig für frühen Konsum. "Geschickt wird hier ein 'organisch-biologischer' Hype genutzt. Das Marketing wird mit großem Raffinement gemacht", erklärte die Linzer Chemikerin und Psychoanalytikerin Frederike Blümelhuber. Verpackung, Werbung - auch im Internet - etc. würden sich ganz stark an die 16- bis 19-Jährigen richten, jene Altersgruppe, die offenbar besonderen Wunsch nach "Partydrogen", "Designerdrogen", "Legal Highs" etc. hat. Wenn eben auf einer Packung mit psychoaktiven Substanzen "Monkees go bananas - Tropical Perfume" zu lesen sei, klinge das eben "entspannend", "nett".

Dabei zeigt sich offenbar auch bei den synthetischen Drogen ein Phänomen, das auch insgesamt für den Gebrauch bzw. Missbrauch psychoaktiver Substanzen gilt: Sozial Benachteiligte Jugendliche, physisch oder psychisch Traumatisierte sind besonders gefährdet.

Die Linzer Expertin: "In Schottland hat eine Untersuchung ergeben, dass Jugendliche, die in gestützten Sozialbauten wohnten zu 36,6 Prozent schon im Alter unter 16 Jahren zu Drogen greifen. Jugendliche aus Eigentumswohnungen hingegen zu 18,8 Prozent. In der untersten sozialen Schicht waren es 36,6 Prozent, in einer sozial bessergestellten Schicht 23,1 Prozent." Physisch oder psychisch missbrauchte bzw. traumatisierte Jugendliche würden exorbitant häufiger Substanzen missbrauchen.

Juristisch ist dem sich ständig wandelnden Spektrum der Designerdrogen kaum beizukommen. Johanna Schopper, die österreichische Drogenkoordinatorin: "Der kontinentaleuropäische Gesetzgeber kann nur hinten nach hinken. Er kann mit seinem Bestimmtheitsgebot nicht etwas verbieten, was er gar nicht kennt." Eine neue Verordnung des Gesundheitsministeriums ist zwar "generisch" ausgelegt, das heißt man will damit Herstellung, Handel, Import etc. großer Mengen von synthetischen Cannabinoiden unter Strafe stellen, aber je breiter solche Regelungen sind, desto heikler wird ihre Handhabung.

Keine Chance auf schnellen Nachweis

Für die behandelnden Ärzte gibt es bei potenziell lebensgefährlichen Vergiftungen mit Designerdrogen ein großes Problem: Für die wenigsten Substanzen gibt es spezifische schnelle Nachweismethoden. Und die Konsumenten wissen auch nicht, was sie wirklich geschluckt haben bzw. können im Vergiftungsfall gar keine Aussagen machen.

Stefan Pöchacker, Oberarzt an der Intoxikations-Intensivstation am Wiener Wilhelminenspital: "Es geht schon oft etwas 'schief'. (...) Es gibt fast keine klinisch einsetzbaren Nachweismethoden. Das ist ein irres Problem. Wir wissen nicht, was da drin ist. Wir sind relativ hilflos. Die meisten sagen, sie haben 'Ecstasy' genommen. Vielleicht, vielleicht auch nicht." Echte Vergiftungen würden zumeist doch zu erheblichen akuten Problemen führen. Behandeln könne man zumeist nur nach den Symptomen.

Der Experte betonte das mangelnde Risikobewusstsein der Konsumenten: "Die Leute quälen dich wegen irgendeiner im Beipacktext von Mexalen (simples Fiebermittel, Anm.) angegebenen möglichen Nebenwirkung. Aber dann bestellen sie sich irgendein 'Sackerl' und werfen das ein." Im Endeffekt - so die Experten bei der Informationsveranstaltung - wären die Konsumenten von Designerdrogen im Grunde die "Meerschweinchen" in einem riesigen Feldversuch. Es gäbe - trotz der Nähe zu Arzneimitteln - keine Daten über die Verträglichkeit, keine Überwachung auf Inhalt, Dosierung und auf das Auftauchen von Zwischenfällen.

An sich aber sind die wirklich neuen Drogen nur ein kleiner Teil des Substanzmissbrauchs. Rainer Schmid, Toxikologe an der MedUni Wien und Wissenschaftlicher Leiter der Wiener Inititiative CheckiT!: "Im europäischen Frühwarnsystem gab es 2004 neun Meldungen über neue Substanzen. 2010 waren es hundert. Zwischen 2005 und 2010 wurde insgesamt 135 verschiedene neue Substanzen gemeldet. Aber nur 20 von ihnen wurden mehr als viermal gemeldet, 26 mehr als dreimal." Bei einer aktuellen Umfrage unter britischen Techno-Fans zeigte sich, dass am häufigsten weiterhin das 20 Jahre alte "Ecstasy" benutzt wurde.

Schmid: "Nur ganz wenige Substanzen sind wirklich von Interesse." Am wichtigsten ist wohl die Prävention. Einschränkung des freien Verkaufs, intensive Marktbeobachtung und Bewertung auftauchender Substanzen (Risiken!), Verhinderung von Schäden und "glaubhafte Prävention" wären zu fordern. Es gelte vor allem, die größten Gefahren zu verhindern. Man müsse in der Gesellschaft übrigens auch anderes Freizeitverhalten - Eisklettern, Skitourengehen etc. - bezüglich seiner Gefahrenmomente wahrnehmen und dürfte nicht in den Fehler verfallen, Substanzgebrauch als das allergrößte Problem darzustellen.

(APA)

Home
Politik
Chronik
Wirtschaft
Sport
Kultur
Society
Life
Reise
Motor
Hightech