Quelle: ZAMG

Interviews

Tenenbom über Antisemitismus in Deutschland

18.12.2012 - 08:00
Ein unangenehmes Bild von Deutschland© APA (Suhrkamp Nova)Ein unangenehmes Bild von Deutschland

Der jüdische Regisseur Tuvia Tenenbom reist durch die Republik. "Allein unter Deutschen" nennt der Sohn von Holocaust-Überlebenden aus New York seinen Bericht. Wohl ist ihm bei dem Trip nicht.

Es ist kein freundlicher Befund, den Tuvia Tenenbom den Deutschen ausstellt. "Es wird viel leichter sein, Frieden zwischen Israelis und Palästinensern und zwischen Arabern und Juden zu schließen, als den Judenhass des Deutschen auszumerzen." Sein Fazit zieht der Autor und Theatermacher aus New York am Ende seines 430 Seiten langen Reiseberichts durch die Republik. "Allein unter Deutschen" hat Tenenbom sein Journal aus dem Jahr 2010 genannt, als Deutschlands Fußballer um die Europameisterschaft spielten.

Sechs Monate pendelt Tenenbom zwischen Hamburg und München, ist im Osten und im Ruhrgebiet unterwegs. In Zufallsbegegnungen stößt er immer wieder auf die gleiche Obsession bei Deutschen und Einwanderern: Ob bei der US-Regierung, dem Nahost-Konflikt oder der Wirtschaftskrise - überall stehen bei denen die wahlweise "reichen" oder "schlauen" Juden dahinter und sind Schuld, dass es nicht so läuft, wie es sich Tenenboms Gesprächspartner vorstellen.

Schon im Vorfeld gab es einen kleinen Skandal um Tenenboms Buch. Ursprünglich sollte es bei Rowohlt erscheinen. Nach einem Streit zwischen Verlag und Autor um Kürzungen im Text, übernahm Suhrkamp die Übersetzung des US-Originals "I sleep in Hitler's Room". Einige der damals veröffentlichten Gespräche wurden wegen des Einspruchs der Befragten nicht in der Übersetzung übernommen.

Tenenbom spricht mit Autonomen und Neonazis, Journalisten und Unternehmern, mit Nonnen und Pfarrern. Er interviewt Altkanzler Helmut Schmidt und "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, begegnet Comedian Helge Schneider und den Kölner Handelskammerpräsidenten Paul Bauwens-Adenauer. Und immer wieder rätselt der Amerikaner über die Deutschen. Einer wünscht sich sogar, dass Deutschland nicht in der Europameisterschaft gewinnt, weil das der Regierung helfen würde. Ein anderer nimmt lange Wege in Kauf, um sich umweltgerecht einer Glasflasche zu entledigen.

Gleich zu Beginn gerät Tenenbom in Hamburgs Autonomen-Zentrum "Rote Flora". Er beobachtet eine Szene, die viel Bier trinkt und überall Nazis vermutet. Auf die Frage, wo er die Nazis finden könne, weiß in der Hansestadt niemand Rat. "Wir haben in Norddeutschland keine Nazis", lautet die Antwort. Der Autor lässt nicht locker, am nächsten Morgen fährt er nach Neumünster.

Im Club 88, einem Treffpunkt der rechten Szene, trifft er Frank. Tenenbom, der sich als Amerikaner auf der Suche nach seinen deutschen Wurzeln ausgibt, versteht sich blendend mit Frank. "Wir haben Krematorien, und in jedem steckt ein kleiner Jude", singt der Wirt und lächelt dabei. So sei vermutlich seine Familie in den Tod geschickt worden, meint Tenenbom. "Mit einem Lächeln und einem Lied auf den Lippen", schreibt der Autor, dessen Mutter das Konzentrationslager überlebte.

Solch offenem Judenhass begegnet Tenenbon dann nicht mehr auf der Reise, doch er stößt auf viel Israelkritik. Etwa bei der sogenannten Kölner "Klagemauer" vor dem Dom, auf der offen zum Israelboykott im Namen der Menschenrechte aufgerufen wird. Unverständlich bleibt ihm ein Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Der Leiter der Pädagogikabteilung berichtet, wie er sich bei einer Demonstration für Gaza engagiert hat. Tenenbom wundert sich über den Mangel an Empathie des Pädagogen. Er verstehe nicht, "wie jemand, der in einem früheren Konzentrationslager arbeitet, nicht das Bedürfnis verspürt, ein klein wenig sensibler gegenüber dem jüdischen Empfinden zu sein".

"Allein unter Deutschen" ist keine sozialwissenschaftliche Studie, sondern eine radikal subjektive Sicht auf die Deutschen. Oft bekommt Tenenbom die Antworten, die er erwartet. Und er ist ein Vereinfacher, etwa wenn er eine Verbindung zwischen dem Rauchverbot auf dem Münchner Hauptbahnhof und dem einstigen Rauchverbot im Konzentrationslager Dachau zieht. Er findet, was er sucht - und er sucht vor allem nach dem Wesen der Deutschen.

"Das größte Problem der Deutschen", sagt Handelskammerchef Bauwens-Adenauer, "ist, dass sie sehr romantisch sind, total romantisch. Und Romantik kann gefährlich werden. Sie schlägt leicht ins Gegenteil um." Auch für Tenenbom liegt der Antisemitismus im Dunkel der Vergangenheit, in der "Seelengeschichte der Deutschen". Und es falle heute eben leichter, sich der Last des Holocausts zu entledigen, wenn man "den Juden" die Schuld dafür zuschreibt. "Sie sind die wahren Nazis; nicht Opa und Oma schon gar nicht."

Ein wenig hoffen lässt Tenenbom den geplagten Deutschen schon. Ein Volk, das jeden Stein seiner Geschichte originalgetreu bis in kleinste Detail zu restaurieren vermöge, habe auch die Kraft, "sich aus dem Nichts ein starkes Rückgrat zuzulegen und die Kurve zum Besseren zu kriegen".

INFO: Tuvia Tenenbom: "Allein Unter Deutschen. Eine Entdeckungsreise". Suhrkamp Verlag, 431 Seiten, 17,50 Euro, ISBN: 978-3-518-46374-1.

(APA/dpa)

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