Quelle: ZAMG

Interviews

Tori Amos blickt auf ihre Karriere zurück

21.09.2012 - 15:19
Amos hat alte Songs mit Orchester neu aufgenommen© APA (Georg Hochmuth)Amos hat alte Songs mit Orchester neu aufgenommen

Zwanzig Jahre nach ihrem Albumdebüt mit "Little Earthquakes" blickt die 48-jährige US-amerikanische Singer-Songwriterin Tori Amos in ihrem 13. Studioalbum auf ihre Karriere zurück: Für "Gold Dust" (Universal) hat sie mit dem holländischen Metropole Orkest 14 Titel aus früheren Alben in neuen Arrangements aufgenommen.

Anlässlich der Veröffentlichung und kurz vor dem Start ihrer Mini-Tour traf die APA die Musikerin zum Interview.

APA: Wie kamen Sie auf die Idee, sich hinzusetzen und Ihren Song-Katalog aus 20 Jahren zu studieren, um Lieder zu finden, die Sie mit Orchester noch einmal aufnehmen wollen?

Tori Amos: In den vergangenen zwei Jahre hat sich mein Leben dramatisch verändert. Es begann damit, dass ich dem Universum anvertraut habe, dass ich noch einmal sehr gerne mit einem Orchester spielen würde, bevor ich gehe. Natürlich hoffe ich, dass ich bis dahin noch ein bisschen Zeit habe, aber ich wollte das wirklich sehr gerne machen. In der Klassik-Welt nimmt man alle Instrumente gleichzeitig auf - in der Pop-Welt funktioniert es ganz anders. Ich sitze im Studio ganz alleine den Toningenieuren gegenüber und muss dennoch meine ganzen Emotionen auspacken. Dann werden die Aufnahmen hin- und her geschickt und bearbeitet und die Instrumente werden zu meinem finalen Track hinzugefügt. Da hat mich das Metropol Orchester eingeladen, mit ihm ein Konzert zu spielen. Ich hatte niemals zuvor live mit einem Orchester gespielt und habe mich daher mit Elan in die Vorbereitung geworfen, obwohl ich mitten in der Arbeit für mein Album "Night of Hunter" war, bei dem ich mich mit Musik der alten Meister beschäftigt habe. Ich hab also ein ganzes Jahr praktisch nicht geschlafen und bin ständig zwischen diesen Projekten hin- und hergesprungen.

APA: Wenn Sie schon immer mit einem Orchester arbeiten wollten - warum haben Sie nicht eines der berühmten gefragt? Warum dieses nur wenigen bekannte holländische Orchester?

Tori Amos: Weil sie es waren, die mich eingeladen haben. Es ist nicht immer so, dass der berühmteste Mann die Frau bekommt. Es ist der Mann, der daran denkt, sie zu fragen. Mein Mann Mark ist ein sehr ruhiger Mensch, nicht viele kennen ihn. Aber er war derjenige, der mich gefragt hat, ob ich ihn heiraten möchte. Die lauten, umtriebigen Typen ziehen alle Aufmerksamkeit auf sich, aber die ruhigen stellen die richtigen Fragen.

APA: Wie war die Erfahrung, mit dem Orchester zu spielen?

Tori Amos: Schon bei den Proben haben die verantwortlichen Leute von der Deutschen Grammophon gesagt: Wir müssen das dokumentieren! Irgendetwas ist anders, man erkennt die Stücke wieder, aber sie haben eine ganz andere Art von Energie. Erst da ist die Idee einer Plattenaufnahme entstanden. Wir wollten aber kein Live-Album und wir hatten von dem Konzert auch keine wirklich brauchbare Aufnahme, denn ich habe vieles erst währenddessen gelernt. Ich habe etwa gemerkt, dass du mit einem Orchester nicht jammen kannst. Ich komme aus einer Welt, wo ich mit meinen Musikern auf der Bühne improvisieren kann, wir verständigen uns mit wenigen Blicken. Mit einem Orchester kannst du aber nicht improvisieren, das muss alles ausgemacht und geprobt sein. Die Musiker müssen wissen, was kommt.

APA: Haben Sie nie daran gedacht, für diese ganz neue musikalische Situation auch ganz neue Songs zu schreiben?

Tori Amos: Nein. In "Gold Dust" geht es ums Sammeln und Bewahren von Erinnerungen. Es hat eine Art von Logik, zurück zu den Meistern zu gehen, ihre Musik zu analysieren und zu variieren, und sich daraufhin neu mit der eigenen Musik auseinanderzusetzen. 20 Jahre nach "Little Earthquakes" war es der richtige Zeitpunkt, zurück zu den entscheidenden Kreuzungen meines Wegs zu gehen und sich zu überlegen, was da passiert ist. Bevor ich weitergehen kann, muss ich mich orientieren, woher ich komme. Wir werden für die Tour auch ein paar "Night of Hunters"-Stücke für großes Orchester arrangieren.

APA: Wird es mehr Termine der neuen Tour geben als die paar Konzerte in Belgien, London, Berlin und Warschau, die bis jetzt angekündigt sind. Kommen Sie damit auch nach Wien?

Tori Amos: Nein. Orchester hin- und herzufliegen ist eine große Sache. Insgesamt sind es um die 60 Leute. Es sei denn, Bernie Ecclestone will mich adoptieren. Dann kann man noch einmal darüber reden.

APA: Wie ist es Ihnen bei Ihrer Wiederbegegnung mit sich selbst gegangen?

Tori Amos: Ich denke, ich habe die verschiedenen Phasen und Stile meiner Kompositionen gut studieren können. Und ich habe auch gemerkt, dass ich früher nicht viel gelacht habe. Ich war ziemlich couragiert, aber ich konnte sehr leicht in große Traurigkeit verfallen. Heute bin ich Mutter eines sehr fröhlichen britischen Mädchens und kann mich sehr schnell aus solchen Stimmungen befreien - einfach, indem ich meinem Mann und meiner Tochter zuschaue. Väter und Töchter können eine tolle Beziehung haben. Ihre basiert viel mehr auf Spaß und gemeinsamer Technik-Begeisterung als auf Autorität. Meine eigene Beziehung zu meinem Vater war ein ziemliches Auf-und-Ab. Aber mein Vater hat immerhin an Frauenrechte geglaubt und daran, dass Frauen über ihren Körper bestimmen sollen. Für einen Methodistenpfarrer war das ziemlich progressiv.

APA: Glauben Sie, dass die Situation für junge Frauen heute leichter ist als zu Beginn Ihrer Karriere, als Sie mit Ihren Songs für Frauenrechte eintraten?

Tori Amos: In mancher Weise ja, es sind Fortschritte gemacht worden. Aber immer wieder erzählen mir Menschen, wie schlimm die Situation bei Prostitution und Menschenhandel ist. Ich bin ja nach wie vor Teil des (von ihr mitgegründeten, Anm.) Frauennotruf-Netzwerks und die Informationen, mit denen wir da konfrontiert werden, zeigen uns, dass das nicht in Mumbai oder sonst wo passiert, sondern überall, in New York City ebenso wie in Europa. Und sicher auch in Wien. Überall geraten Frauen in sklavenähnliche Abhängigkeit und wissen nicht, wie sie sich davon befreien können. Und das im 21. Jahrhundert! Viele Frauen kommen zu mir und erzählen über ihre persönliche Beziehung zu manchen meiner Songs, und dass sie ihnen die Augen geöffnet hätten.

APA: Würde nicht gerade dieser Befund dafür sprechen, nach zwei Konzeptalben mit altem Material wieder neue Songs zu schreiben und diese Dinge zu reflektieren?

Tori Amos: Das stimmt, aber wenn man einmal mit der Musik der großen Meister gearbeitet hat, muss man sich neu orientieren, bevor man weitergehen kann. Wenn man in die vierte Dimension vorstoßen will, muss man erst einmal hier alles im Griff haben. Aber der nächste Raketenstart wird das Musical "The Light Princess" sein, das ich für das National Theatre (London, Anm.) schreibe. Es ist einerseits ein Märchen, muss aber Mädchen und junge Frauen von heute interessieren. Das ist eine Herausforderung. Das Buch stammt aus dem 19. Jahrhundert, mit einer ganz anderen Perspektive auf Frauen. Wir arbeiten schon seit fünf Jahren daran, Samuel Adamson, der mit mir gemeinsam auch die Songtexte geschrieben hat, ist der Autor. Schon beim Rückflug werde ich wieder an den Kompositionen dafür sitzen. 2013 soll ein Premierendatum bekannt gegeben werden. Aber es ist eine große Sache, die da auf die Beine gestellt wird, die gemeinsame Arbeit von vielen Menschen.

APA: Sie scheinen diese Situation zu mögen - nicht mehr nur Sie alleine mit dem Klavier?

Tori Amos: Es ist eine ganz andere Erfahrung. Aber beim Komponieren gibt es immer eine Ebene der Einsamkeit. Ich versuche die Musen zu besuchen, aber ich kann nicht einfach an ihre Tür klopfen und sagen: Hey, jetzt würde es mir gerade passen. Das wäre natürlich einfacher. Heute habe ich mehrere Rollen - Ehefrau, Mutter und Künstlerin. Man kann sich aber nicht dreiteilen. Wenn man schreibt, muss man seinen Stift ordentlich spitzen und unangenehme Dinge unters Mikroskop legen. Ein Kind möchte aber eine unterstützende, liebende Mutter, keine alles kritisierende - so ziehe ich mich eben manchmal zurück. Deshalb reise ich viel. Cornwall ist das Zuhause von Mark, er ist Brite. Tash, unsere Tochter, besucht in London die Schule.

APA: Fühlen Sie sich selbst als Amerikanerin oder Britin?

Tori Amos: Ich bin Amerikanerin, keine Frage. Ich habe keinerlei Rechte in Großbritannien. Ich bin dort nur Gast. Aber für mich stimmt das so. Mark und ich haben eine "bikontinentale" Beziehung - vielleicht das Geheimnis einer guten Ehe.

APA: Sie haben kürzlich auch ein eigenes Label gegründet, "Transmission Galactics". Offenbar glauben Sie an die Zukunft des Musikverlegens?

Tori Amos: Ich glaube an die Zukunft künstlerischer Entwicklung. Es nimmt sich aber kaum mehr jemand die Zeit dafür. Labels wollen nicht mehr in etwas investieren, was nicht sofort Geld bringt. "Transmission Galactics" ist ein Kollektiv von ein paar Leuten. Es steckt aber noch in den Kinderschuhen. Der Gedanke dabei ist, ohne Druck Künstlern Zeit für ihre Entwicklung zu geben und sie dabei zu unterstützen.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(APA)

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