Quelle: ZAMG

Interviews

Steve Wynns zeitlos gute Rockmusik

10.11.2010 - 15:40
Ungewöhnlicher Stil© APA (pr/Soulfood)Ungewöhnlicher Stil

Das "Chelsea" in Wien, das Kölner "Blue Shell" oder das "Knust" in Hamburg: Kleine Clubs, in denen Steve Wynn & The Miracle 3 auftreten, sind die typische Umgebung für Nischen- und Kultkünstler. Der 50-Jährige und seine drei Mitstreiter werden dort auch in diesem November (Tourneestart: 6.11.) vor einigen hundert Leuten zwei Stunden lang aus Gitarren, Bass und Schlagzeug alles herausholen.

"Die meisten Musiker, die ich kenne, arbeiten heutzutage ziemlich hart", sagt Steve Wynn im dpa-Interview. "Das ist ganz was anderes als in den 70ern: Da gab's die Musik, die Groupies, die Drogen, und dann schlief man einfach ein." Er hingegen kümmert sich mit einem Indie-Label um Studiobuchungen, CD-Aufnahmen, Konzerte - "vor allem darum, dass die Leute meine Musik überhaupt zu hören kriegen". Deshalb betreut er nebenbei die eigene Webseite, schwärmt dort von Vorbildern wie Bob Dylan, Neil Young, Velvet Underground oder Miles Davis und führt ein Internet-Tagebuch, in dem er warmherzig aus seinem Leben "on the road" erzählt.

Wynns Schilderung des wahren Rockmusiker-Lebens klingt überhaupt nicht resigniert oder lamoryant. Der Mann aus New York hat auch nach 30 Jahren als fleißig tourender Künstler noch sichtbar Spaß an seinem Job. Er veröffentlicht Jahr für Jahr mit verschiedenen Bands oder solo zumindest ordentliche, meist hervorragende Alben - weit über 20 seit 1980. Er hat im Lauf der Zeit mehr als 2.000 Konzerte gegeben. Aufwärm-Gigs vor tausenden Menschen für Rock-Giganten wie R.E.M. oder U2 waren die Ausnahme. Meist ist das Publikum überschaubar, dafür liebt jeder einzelne Fan die Band aber auch heiß und innig.

Neben Wynn bilden seine Ehefrau Linda Pitmon als Temperamentbündel am Schlagzeug, der stoische Dave DeCastro am Bass und der virtuose Gitarrist Jason Victor The Miracle 3. Die drei jüngeren Musiker geben Wynn seit nunmehr zehn Jahren den Kick, um auch im fortgeschrittenen Rocker-Alter noch mit viel Euphorie auf kleinen Bühnen herumzutoben. "Fünfzig - das ist nur eine Zahl", sagt der tatsächlich noch sehr jungenhaft wirkende Mann. "Die Energie geht doch nicht verloren, nur weil man schon lange im Geschäft ist." Die Explosivität seiner Band, ihre Furchtlosigkeit, Unerwartetes zu wagen, seine ungebrochene Kreativität beim Songschreiben: All dies lässt Wynn den anstrengenden Job, der keine Millionen abwirft, immer noch gern tun.

2010 verspricht nun sogar eines der besseren Jahre für Steve Wynn zu werden. Seine aktuellen Veröffentlichungen führen Vergangenheit und Gegenwart zusammen. Im Sommer wurde das wohl beste Werk seiner ersten Band The Dream Syndicate unter großem Kritikerjubel wieder veröffentlicht: Das noch punkrock-beeinflusste "Medicine Show" von 1984 (Re-Issue: Water/Cargo) klingt auch heute noch bemerkenswert frisch. Seit Monaten veröffentlicht Wynn regelmäßig Download-Songs seiner zweiten aktuellen Band The Baseball Project, in der er zusammen mit Peter Buck (R.E.M.) seinen Sporthelden huldigt.

Vor allem aber erschien Ende Oktober das vierte Album von Steve Wynn & The Miracle 3. Er selbst hält es (wohl mit Recht) für eines seiner stärksten und welcher Rockmusiker kann das nach 30 Jahren noch ernsthaft behaupten? Das im US-Südstaat Virginia aufgenommene "Northern Aggression" (Blue Rose/Soulfood) präsentiert Sänger und Band auf der Höhe ihrer Kunst. Die elf Gitarrenrock-Songs glühen nur so vor fiebriger Intensität und rau-melodischer Kraft.

Insbesondere "Resolution" zum Einstieg ist ein Meisterwerk. "Ja, ich denke, das ist einer der besten Opener meiner Karriere", sagt der Band-Boss. "Man muss ja heute die Hörer sofort packen, sonst wandern sie ab." Mit "No One Ever Drowns" hat Wynn einen Song aus seiner Anfangszeit ausgegraben und nach 30 Jahren endlich aufgenommen. Gelegentlich geht er eben auch zurück zu den Wurzeln, um sich für das Hier und Jetzt als "Hard Working Musician" zu inspirieren.

Am 11. November spielt Wynn im Chelsea in Wien.

INFO: Steve Wynn & The Miracle 3, "Northern Aggression", Hoanzl, Blue Rose, 8305242.

(APA/dpa)

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