Die Release-Party des zweiten Albums "Narrow" von Soap&Skin alias Anja Plaschg - mitsamt Kammerorchester und Chor - spannte am Freitagabend in der ausverkauften Arena in Wien den Bogen von theatralischer Inszenierung zu schier unfassbar purer Emotionalität und brachte nicht nur die zierliche Steirerin selbst sondern auch ihr Publikum an die Grenze des emotional und physisch Erträglichen.
"Ich weiß nicht, ob das jetzt noch geht", flüstert die Sängerin beinahe unhörbar vor ihrem Abschlusslied ins Mikrofon. Zu verdenken ist es ihr nach ihrer 80-minütigen Verausgabung zwischen Wut, Schmerz und Wahrhaftigkeit nicht.
Der Beginn des Konzerts gleicht dem Einstieg in einen Alptraum: Zu den harten elektronischen Industrial-Klängen von "Deathmental" erscheint Soap&Skin, in einen schwarzen Mantel gehüllt, plötzlich aus der Dunkelheit. Wie auf dem Coverfoto ihres "Mini-Albums" wendet sie sich direkt und herausfordernd an das Publikum, ihr Antlitz nur von unten beleuchtet. "Hell won't tolerate hymns" singt die als Hohepriesterin anmutende 21-Jährige. Noch steht sie ganz alleine und ein wenig verloren auf der Bühne, kurze Zeit später hat sie musikalische Verstärkung: Mit Cello, Kontrabass, Violine, Viola und Trompete, ihrer älteren Schwester Evelyn als Backing Voice und einem sechsköpfigen Chor vermag Plaschg jene Distanz auszugleichen, die ihre Unsicherheit zwischen Musik und Publikum herstellt.
Neben theatralisch inszenierten Orchester- und Lichteinsätzen sind es die in Nebel getauchten, stillen Momente zu "Cradlesong" oder dem ihrem Debüt ("Lovetune for a Vacuum", 2009) entnommenen "Cynthia", in denen Plaschg allein an Klavier und vor PowerBook unter einem Scheinwerfer sitzt und das Publikum in eine schmerzhafte Welt entführt, in die man ihr in diesem Moment sogar gerne folgt. Geradezu unheimlich und verstörend muten dagegen die mit Elektronik, Schreien und Percussion unterlegten, lauten, intensiven Passagen samt Streichern und erhabenen Chorklängen an, in denen Plaschg zum großen Finale auch physisch jene Emotionen auslebt, die sie zuvor allein mit ihrer kräftigen Stimme freigelassen hat.
Es fühle sich "wahrhaftiger an, wenn das, was ich so komponiere, auch wirklich live gespielt wird", sagt die sonst solo auftretende Plaschg über das Orchester auf der Bühne. Gänsehaut erzeugen die einsetzenden Streicher in "Extinguish me" ebenso wie der behutsame Chor zum beinahe lieblichen "Wonder". Plaschgs beeindruckende Darbietung von "Voyage Voyage", in dem das sonst stille Publikum nach kurzem Raunen den 80er-Jahre-Desireless-Klassiker erkennt, wird samt einsamen Trompetenspiel zu einem der bewegendsten Momente des Abends.
Mitunter wirkt Plaschg ganz ohne Streicher und Chor unsicher, justiert zahlreiche Male ihr Mikrofon nach, lässt ab und an ein zartes "Danke" von ihren Lippen, versteckt ihr Gesicht hinter den langen, rot gefärbten Haaren. Immer wieder scheint sie von den vielen technischen Einflüssen um sie herum überfordert, deutet und ruft nach Veränderungen, ehe sie vergewissert wird, dass alles seine Richtigkeit hat, wie es ist. Einzig ihre Schwester Evelyn, die versetzt am anderen Ende des Klaviers steht, mit dem Blick auf sie gerichtet, scheint ihr durch ein unsichtbares Band Halt zu geben.
Die Zerreißprobe für Plaschgs schonungslos offene Darlegung von Leid kommt gegen Ende des Konzerts mit dem bewegenden Opener des Albums, "Vater", in dem sie den Tod ihres Vaters verarbeitet. Mit zittriger Stimme angelt sie sich von Zeile zu Zeile, ehe ihr die Laute bei ihrem Ausspruch, "lieber eine Made" zu sein, wegbrechen. Ihr Versuch, nach dem Sechsminüter nahtlos mit "Thanatos" anzuknüpfen, scheitert, sie weint, entschuldigt sich und flüchtet sich hinter die Bühne. Wie ein Voyeur fühlt man sich in diesen Minuten, in denen man sich ihrem Schmerz verwehren und doch in ihm aufgehen will. "Wir lieben dich trotzdem", ruft eine im Publikum. Wir lieben sie vielleicht gerade deshalb.
Von Angelika Prawda/APA
INFO: Weitere Österreich-Tourtermine von Soap&Skin: 15.2. Posthof (Linz), 16.2. Orpheum (Graz), 4.5. Spielboden (Dornbirn); Videos von der Live-Session als "Probedurchlauf" für das Konzert am Freitag auf http://fm4.orf.at/stories/1694372.
(APA)

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