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Walter Gronds "Der gelbe Diwan"

03.02.2010 - 08:00
Weit ausgeholt, nah angestaubt© APAWeit ausgeholt, nah angestaubt

"Keine geringere Frage als die, wie unsere Welt am Beginn des 21. Jahrhunderts funktioniert", stellt Walter Gronds neuer Roman "Der gelbe Diwan" (Haymon) laut Klappentext. Ein weitschweifiges Unterfangen. Gustave Flaubert geistert darin herum, der exzentrische Idealismus einer verlorenen Jugend, ein Familienleben in den Nachwehen des traditionellen Wertekanons und zahlreiche recycelte Sexismen.

Paul Clement ist Reisejournalist und bereitet sich auf eine Orient-Reise vor. Von seiner türkischstämmigen Frau Behle wurde er verlassen - wegen seiner Gleichgültigkeit. Die Kinder leben bei ihm, Behle begehrt er immer stärker. Als er erfährt, dass sein ehemaliger Freund und Mentor, der Schriftsteller Johan, sich das Leben genommen hat, verliert er sich in Erinnerungen an seine jüngeren Jahre: "Die wilden romantischen Nächte fallen Clement ein, Saint-Mar-sur-Mer, der Sandstrand, die Exzesse, der Suff, die Schreie der Nacht. Johans Philosophenidol, die Symbiose von Revolution und Literatur, Befreiung und Feinsinn, Gerechtigkeit und Lust, Geist und Trieb, Müßiggang und Verschwendung, ein Leben, in dem sich Träume erfüllen, frei und schier endlos wie das Meer, archaisches Glück, vorweggenommene Zukunft."

Gleichzeitig vertieft sich Clement, auf seinem gelben Diwan sitzend, in die Orientreisen von Gustave Flaubert, in dessen - vorrangig sexuelle - Abenteuerlust, die wie ein Echo in seiner Gefühls-Vorsicht widerhallt. Er wohnt am Schulweg mit seinen Kindern einem tragischen Unfall bei und verwickelt sich in das Leben des Opfers. Seine Beziehungen ordnen sich neu, ganz gegen den Widerstand seines abwehrenden Inneren.

"Wahrscheinlich könnte er Behle nicht erklären, warum er mit Energien, Gefühlen, Mutmaßungen haushält wie andere mit materiellen Gütern". Zu trocken für einen sympathischen Helden, zu selbstkritisch für einen unsympathischen. "Wenn Clement nach dem Aufwachen in seinen Körper hineinhorcht, keinen Schmerz verspürt und sein Herz regelmäßig pochen hört, dann bekundet er sich selbst die Einsicht, mit seinem Leben im Grunde zufrieden sein zu können. Überlebende sind stets ignorant, kaltschnäuzig und dann eben doch selbstmitleidig."

Grond versteht sich auf das Erzählen in den Moment hinein. Daher kann er es sich leisten, so viele Momente labyrinthisch aneinanderzureihen, die immer wieder zum Umkehren zwingen. Es wird diniert mit einer seltsam antiquierten Intellektuellen-Runde, in der sich Exzentriker gegenseitig mit künstlichen Provokationen bewerfen. Es wird am Strand spaziert, durch das Türkenviertel der Stadt, das Armenviertel, durch orientalische Bordelle und Diskotheken für End-Dreißiger.

Aber am Kristallisationspunkt eines jeden Moments lauert immer wieder das Stereotyp: Armut und Aufsteigertum, intellektuelle Potenz und sexueller Betrug, Frauen als Musen, bewundernd und nährend, hingebungsvoll und fordernd, die fast ausschließlich über ihre Beziehungen zu den stets einsam agierenden Männern charakterisiert werden. In seinem ambitioniert ausholenden Gestus könnte "Der gelbe Diwan" ein visionäres Buch sein - wenn es in den Details nicht so angestaubt wäre.

INFO:- Walter Grond: "Der gelbe Diwan", Haymon Verlag, 320 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-85218-596-5.

(APA)

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