Quelle: ZAMG

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Olga Flor versetzt Lady Macbeth ins Heute

27.08.2012 - 08:00
Macbeth unter anderen Vorzeichen© APA (www.hanser-literaturverlage.de/Zsolnay)Macbeth unter anderen Vorzeichen

"The queen, my lord, is dead." Eher beiläufig erfährt Macbeth im fünften Akt von Shakespeares blutigem Drama vom Tod der Gattin, die ihm mit skrupellosem Ränkeschmieden jene Aufstiegshilfe gewesen ist, ohne die der Heerführer nicht auf den Thron gelangt wäre. "Die Königin ist tot" hat Olga Flor ihren neuen Roman genannt: Er schreibt die Macbeth-Geschichte unter heutigen Vorzeichen neu.

Lady Macbeth ist Lilly, eine aus Europa stammende junge Frau im Chicago des 21. Jahrhunderts. Sie wird Gattin eines über TV-Sender in aller Welt gebietenden Medienzaren - ein grauer, aber noch nicht zahnloser Wolf, der so heißt wie der König in Shakespeares Stück: Duncan. Zum Macbeth wird Alexander, Duncans junger und ehrgeiziger Stellvertreter. Er erbt die Frau seines Chefs, als dieser ihrer überdrüssig wird und sich der nächsten Frau, einer erfolgreichen Journalistin seines Imperiums, zuwendet - ein demütigender Vorgang, in dem der Warencharakter der Liebe ebenso betont wird wie die klare Machtverteilung.

"Ich bin Alexander zugefallen wie ein Los, das ich habe ziehen müssen", sinnt die Ich-Erzählerin Lilly. "Wir sind auf uns gestellt. Der zweite Mann: es liegt nicht an ihm, und er ist noch kein Haupttreffer, auch wenn ich sicher bin, dass er vorhat, einer zu werden. Ich muss ihn dazu machen, ganz einfach." Die Weitergabe der Frau wird sich für Duncan als folgenschwerer Fehler erweisen. Die beiden schönen jungen Leute finden Gefallen an einander und verbünden sich: Lilly sinnt auf Rache, Alexander wittert die Chance, ganz nach oben zu kommen.

Als der Boss eines Tages das Paar in seinem Luxus-Appartement im obersten Stock eines Hochhauses besucht, ergibt sich die Möglichkeit, jenen Mordplan in die Tat umzusetzen, den man bisher in zweisamen Stunden nur spielerisch erwogen hatte. Schlag nach bei Shakespeare. Bis ins Detail hält sich Olga Flor an das prominente Vorbild, inklusive dem einen oder anderen Insider-Scherz für Kenner.

Es ist eine bedrückende Welt, die Flor entwirft, in der Macht und Sex, Medien und Politik eng miteinander verwoben sind. Die kalten, einsamen Chefetagen, die ebenso mit Überwachungskameras gespickt sind wie die privaten Rückzugsmöglichkeiten, kontrastieren dabei mit den Massen der Unterprivilegierten auf der Straße, die, wenn man es nur geschickt anstellt, zur Untermauerung der eigenen Ziele eingesetzt werden können - etwa zur Lynchjustiz an jenen, die im Rahmen der Intrige der Öffentlichkeit als Mörder präsentiert werden.

Die Profi-Intrigenküche ist keimfrei, das Blut rasch weggespült. Gefährlicher als allfällige Beweisstücke sind jene, die beginnen, sich etwas zusammenreimen und nicht locker lassen. Für solche Fälle sind rasch ferne Aufstände zur Hand, die ablenken, oder Autobomben, die explodieren.

Mit der Lakonie und Trockenheit ihrer Ich-Erzählerin kommt Olga Flor Elfriede Jelinek genauso nahe wie William Shakespeare. Wo sich die Sprache zu verselbstständigen scheint, lässt sich auch über Ungeheuerlichkeiten locker reden: "Ich bin sicher, dass ich was anderes sagen wollte, doch ich habe jetzt keine Zeit, mich mit der Frage nach dem richtigen Wort aufzuhalten."

Skrupel kennt hier keiner, und das Schlussszenario lässt vieles offen. Am 5. September erhält die 44-jährige Autorin, die bereits mit ihrem letzten Buch "Kollateralschaden" aus einem Supermarkt gekonnt in das Herz der Gesellschaft zielte, einen der "outstanding artist awards". Außergewöhnlich ist Olga Flor, das beweist sie auch in ihrem neuen Buch. Die Königin ist tot. Lang lebe die Königin.

INFO: Olga Flor: "Die Königin ist tot", Zsolnay Verlag, 224 S., ISBN: 978-3-552-05578-0, 19,50 Euro.

(APA)

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