Quelle: ZAMG

Interviews

Der Arbeitersohn und die schöne Laotin

30.05.2012 - 08:05
Liebesbeziehung im real exisitierenden Sozialismus© Piper VerlagLiebesbeziehung im real exisitierenden Sozialismus

Sein Vater war ein strammer DDR-Genosse, seine Mutter eine laotische Schönheit. Ihre ebenso romantische wie tragische Liebesgeschichte schildert André Kubiczek in seinem neuen Buch.

Schon wieder eine autobiografische Familiengeschichte aus der verflossenen DDR. Hatten wir nicht erst zuletzt Eugen Ruges "In Zeiten des abnehmenden Lichts" und Marion Braschs "Ab jetzt ist Ruhe"? Nun also kommt André Kubiczek mit seiner Lebensrückschau unter dem klangvollen Titel "Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn". Das hört sich nicht nur exotisch an, das ist es auch.

Wer hätte gedacht, dass es in der grauen DDR, dieser verschlossenen Auster, auch solche Geschichten gab, die nach Fernweh und Abenteuer schmeckten! Eine Liebe zwischen einem Arbeitersohn aus dem Harz und einer schönen Laotin, die trotz aller Widerstände in eine Ehe mündete, der zwei Söhne entsprangen.

Einer davon ist André Kubiczek, der die tragisch-schöne Geschichte seiner Eltern nun also zu Papier gebracht hat. Vier Romane hat der in Potsdam aufgewachsene Kubiczek bisher verfasst, darunter sein viel gelobtes Debüt "Junge Talente" und "Die Guten und die Bösen". Zu seinem fünften Buch hat ihn sein Verlag animiert. Wer weiß, ob er diesen autobiografischen Roman sonst je geschrieben hätte. Zu viel unbewältigte Trauer war für ihn mit der Lebensgeschichte seiner Eltern und auch mit seiner eigenen verbunden. Viele Bruchstücke mussten aus der Tiefe der Erinnerung zurückgeholt, manches völlig neu erkundet werden - in der fernen Heimat seiner Mutter, Laos, und in Gesprächen mit seinem Vater.

Der Vater, ein Wissenschaftler und überzeugter Genosse, lernt die grazile Tèo Anfang der 1960er Jahre bei seinem Studium in Moskau kennen. Die junge Laotin kommt aus einer angesehenen Familie. Ihr Vater, Außenminister des fernöstlichen Landes, wird Opfer eines Attentats. Die Liebe des jungen Paars scheint keine Zukunft zu haben. Vor allem Tèos Familie ist dagegen. Doch wider Erwarten gelingt es ihnen, alle Hindernisse zu überwinden und schließlich die Heirat und die Ausreise der jungen Frau in die DDR zu erzwingen.

In dem völlig fremden Land regt ihre exotische Erscheinung die Fantasie der Nachbarn an. Man hält sie für eine Prinzessin, die von ihrer bösen Familie verstoßen worden ist. Zwei Söhne kommen zur Welt, eine Weile scheint das Glück perfekt, doch dann tauchen düstere Schatten auf. Einer der beiden Söhne bleibt nach einem Unfall schwerbehindert zurück und stirbt Jahre später nach leidvollen Krankenaufenthalten. Dann erkrankt auch noch die Mutter an Krebs. Ihr langes Siechtum und ihr früher Tod beschließen die Agonie der Familie.

All dies erzählt Kubiczek in Rückblicken, die wie Puzzleteile zusammengesetzt sind. Seine Erzählung beginnt mit einer Reise nach Vientiane, der Hauptstadt von Laos, und dem Auffinden eines abgebrochenen autobiografischen Berichts seiner Mutter. Nun setzt der Sohn die unvollendet gebliebene Erzählung fort. Doch mehr als ihre wird es dabei seine eigene Lebensgeschichte. Es ist die Geschichte einer Jugend in der DDR.

Diese riecht und fühlt man in jedem Absatz. Etwa beim Besuch der Großeltern im Harz, wo es immer bitteren Malzkaffee gab und der Großvater seltsame Briefmarken sammelte, die mit Runen und Hakenkreuzen verziert waren. Oder der Ausflug nach Ost-Berlin, wo es polnische Blaubeerkonserven und frische Champignons zu kaufen gab und die Lampen im Palast der Republik wie "schwebende Raumschiffe" auf den Jungen wirkten. Dies sind starke, sinnliche Passagen, die das Buch zu einem Erlebnis machen.

Demgegenüber bleiben die Eindrücke von Laos und das Bild der Mutter blass. Sie ist die ferne Kranke, die traurige Prinzessin, deren Leben von einer bösen Fee verflucht wurde. Vielleicht war für den Autor dieser Abstand ja unvermeidbar, um die Geschichte überhaupt niederzuschreiben zu können.

INFO: André Kubiczek: "Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn", Piper Verlag 2012, 480 Seiten, 23,70 Euro, ISBN 978-3-492-05234-4.

(APA(dpa)

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