Rafik Schami schreibt sowohl Bücher für Kinder als auch für Erwachsene. Manchmal lässt sich das nicht ganz auseinanderhalten. Sein neuestes Werk "Das Herz der Puppe" ist so ein Fall. Es geht um Freundschaft und Fantasie, ums erwachsen werden und Kind bleiben.
Rafik Schami ist in vieler Hinsicht ein Grenzgänger. Auch das neueste Werk des in Syrien geborenen, aber seit langem in Deutschland lebenden Autoren zeigt das wieder: "Das Herz der Puppe" heißt es und ist ein Kinderbuch für Leser ab acht Jahren - einerseits. Andererseits ist es viel mehr als das: eine Parabel über die Bedeutung von Freundschaft und Fantasie, das Überwinden von Ängsten und über die Chance, ein Kind zu bleiben, auch wenn man groß wird.
Die Geschichte beginnt an einem grauen, trüben Samstag, als Nina und ihre Eltern auf den Flohmarkt gehen. Eigentlich wollen sie eine Lampe kaufen. Aber dann entdeckt Nina am gleichen Stand eine alte Puppe mit feuerrotem Haar und grünen Augen. "Das ist sie", fühlt sie sofort, die Puppe, die sie immer haben wollte und nun für nur zwei Euro kaufen darf. "Es waren schon viele da, die sie haben wollten, aber sie hat auf dich gewartet", sagt der Flohmarkthändler. "Du passt gut auf sie auf, versprochen?"
Denn Nina und die Puppe sind wie füreinander bestimmt. Jahrelang hatte sie auf einem Dachboden gelegen, vergessen von den Menschen, die dort wohnen und bedeutungslos geworden für ihre einstigen Besitzer. Sie heißt Widu und kann sprechen. Und sie hat noch eine viel wichtigere Eigenschaft, die Nina schon bald zu schätzen lernt: Sie saugt die Angst weg, ja, sie ernährt sich von Angst.
Eine Win-Win-Situation der besonderen Art ist das: Nina und Widu sind bald wie dicke Freunde, wie Menschen, die sich schon lange kennen und vertrauen und miteinander wachsen. Und die auch schwierige Situationen zusammen meistern, selbst ganz schlimme wie die, als Nina mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus kommt und zu sterben droht. Da entscheidet sich Widu dafür, ein Herz zu bekommen, weil sie Nina nur so retten kann.
Doch ein Herz für eine Puppe bedeutet, dass sie selbst sterblich wird, zum Tode verurteilt in dem Augenblick, in dem das Kind, dem sie gehört, erwachsen wird und sie vergisst. Rafik Schami hat die Hoffnung, dass es nicht so weit kommt, dass die Chance besteht, erwachsen zu werden und dennoch ein Kind zu bleiben, das staunen und sich wundern kann. "Das Herz der Puppe" ist deshalb viel mehr als ein simples Kinderbuch, gleichzeitig klug und sehr schön und manchmal geradezu philosophisch - zurückhaltend und sehr passend illustriert von Kathrin Schärer.
INFO: Rafik Schami: "Das Herz der Puppe", Roman, Carl Hanser Verlag 2012, 184 Seiten, 13,30 Euro, ISBN 978-3-446-23896-1.
(APA/dpa)

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