"Ich faltete die Hände und hockte mich ins Geäst." Auf diesen Satz stößt man bei Lektüre des neuesten Prosabandes von Friederike Mayröcker immer wieder. Er ist rätselhaft wie vieles in diesen Texten, die wie Wahrnehmungsfragmente aus einer fremden Welt wirken. Eine Welt, in der sich Erinnertes und Beobachtetes verbinden.
Eine Welt, die voller Blumen ist und mit Menschen bevölkert ist, von denen man nicht sicher ist, ob sie real existieren oder in Erinnerung weiterleben. Eine Welt, in der herkömmliche Orthografie und Syntax außer Kraft gesetzt sind und ständig semantische Verschiebungen stattfinden. "ich sitze nur GRAUSAM da" zeigt den Planet Mayröcker, der in einem dichterischen Parallel-Universum unbeirrt seine Umlaufbahn fortsetzt.
"1 nicht endenwollender Frühling 1 nicht endenwollender Sommer, aber jetzt die Wintersonne im Zimmer". Die Jahreszeiten vergehen und "Das Wetter war numeriert". Der Fluss der Gedanken durch den Kopf wird festgehalten, aber nicht in konventionelle Bahnen gelenkt. Es geht um die Vorstellung nicht um die Satzstellung. Wenn die 87-jährige Wiener Dichterin mit ihren mitunter halbseitigen, mitunter ganzseitigen Sätzen, die aus dem Nichts zu kommen und ins Nichts zu verschwinden scheinen, und deren Fluss man sich nur ergeben kann, widrigenfalls man abgeworfen und ans Ufer gespült wird, Lust auf eine weitere Grenzüberschreitung bekommt, werden kleine Zeichnungen eingebaut. "ich bin 1 Fauvist der Sprache, vielleicht 1 Dufy im Alpengebirge, sage ich".
Der Pflanzenwuchs ist so vielfältig ("Asparagus am Fenster, zwischen den Scheiben die auswendiggelernten Pelargonien, Sträusze von Stiefmütterchen, Zimmerlinden in Töpfen") wie die Bewohner des Planeten Mayröcker, die dem Freundeskreis ebenso entstammen wie der Lektüre, die lebendig sind als Erinnerung an "Muzette oder Mama" oder an den Lebensmenschen und ständigen Dialogpartner Ely, mit dem das Gespräch nie abreißt, ob ihn das Schicksal nun von ihrer Seite genommen hat oder nicht. Doch es gab auch andere Männer, man liest es schmunzelnd, und in den Begegnungen mit dem begehrten "++++++" wird soviel und so leidenschaftliche geküsst wie noch nie. "'Sind wir 1 exaltiertes Paar?', frage ich ihn."
Zwischen Gerhard Richter und Caspar David Friedrich, Gerhard Rühm und Peter Waterhouse, Italien und Salzkammergut, Glyzinien und Gladiolen stößt man auf Wortfindungen wie "Amateurschläfer", auf einen "ackernden Fusz in der Nacht" oder "das wimmernde GRÜN der unreifen Bananen". Und wer meint, die Dichterin sitze nur "GRAUSAM da" und lache über die dem Leser bereiteten Anstrengungen, verkennt nicht nur die Absichtslosigkeit des Festhaltens an den eigenen Gesetzen, sondern auch die Bitternis der dabei gewonnenen Selbsterkenntnis, bei der sich Tränen mit befreiendem Lachen verbinden: "1 Segeltuchtasche in der Auslage eines Luxusgeschäftes zog meinen Blick auf sich, ich probierte sie vor dem Spiegel des Ladens und war sehr erschrocken was das Spiegelbild mir titelte: 1 Monster (häszlich) mit monströser Briefträger Tasche".
INFO: Friederike Mayröcker: "ich sitze nur GRAUSAM da", Suhrkamp Verlag 2012, 144 Seiten, 18,50 Euro, ISBN: 978-3-518-42283-0; Lesung am 8.3., 19:00 Uhr, in der Alten Schmiede, 1010 Wien, Schönlaterngasse 9.
(APA)

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