Quelle: ZAMG

Interviews

Dichter Christian Ide Hintze verstorben

13.02.2012 - 17:39
Christian Ide Hintze mit Marlene Streeruwitz© APA (Barbara Gindl)Christian Ide Hintze mit Marlene Streeruwitz

Er war unkonventioneller Schuldirektor, Dichter für alle Sinne und Straftäter wegen "Behinderung des Fußgeherverkehrs": Christian Ide Hintze ist im Alter von 58 Jahren überraschend gestorben. Hintze war als Autor von Aktionen, Installationen und Songs, von Audio-, Video- und Performancegedichten, von Zettel-, Plakat- und Buchtexten tätig.

Seit 1992 fungierte er als Direktor der "Schule für Dichtung" in Wien. Der überzeugte Verfechter der Kleinschreibung betrieb "Sprachpolitik" - und scheute sich nicht davor anzuecken.

Geboren wurde Hintze am 26. Dezember 1953 in Wien, wuchs allerdings in Salzburg und bei Graz auf, bevor er in Wien seine Matura absolvierte. Es folgten Jahre als Straßensänger in ganz Europa, darauf ein Studium der Theaterwissenschaft. Er beteiligte sich an der Arena-Besetzung ebenso wie an anderen Aktionsformen im öffentlichen Raum. 1979 realisierte er den Kinofilm "Zetteldämmerung" und erlangte sukzessive mit seinen Werken der "expanded poetry" Aufmerksamkeit.

Seinen Poesiebegriff sah er "geprägt von den Spannungsfeldern analog / digital und eigene Sprache / fremde Sprache" - seine Gedichte siedelte er in sieben Kategorien an - von "akustisch" über "performativ" bis zur "instruktiv". Mit einem Gedichtband wie "Die goldene Flut" oder dem interaktiven "E1. Kartenspiel für ein verstreutes Publikum" sicherte er sich einen exquisiten, exotischen Ruf im deutschsprachigen Feuilleton.

Auf die Idee für seine Dichtkunstschule kam Hintze 1990, als er auf Einladung von Allen Ginsberg die "Jack Kerouac School of Disembodied Poetics" besuchte. Nachdem er 1992 in Wien sein eigenes Institut begründet hatte, wobei ihm zahlreiche Kollegen zur Seite standen, gewann er klassische Dichter wie H.C. Artmann, Wolfgang Bauer oder Gerhard Rühm, aber auch Popliteraten wie Blixa Bargeld, Nick Cave oder Falco als Lehrkräfte. Gemeinsam mit seiner Institution äußerte sich Hintze oft in sprachpolitischen Fragen - und propagierte neben der Kleinschreibung etwa eine österreichische Rechtschreibung.

Konfrontation scheute er auch bei seinen Aktionen nicht. In den 70er Jahren sorgte er mit seiner Arbeit als "Dichter der Straße" für behördliche Konflikte und erhielt laut eigenen Angaben Anzeigen wegen "Behinderung des Fußgeherverkehrs", "Störung der öffentlichen Ordnung" und "Verunreinigung von öffentlichen Gebäuden". Von der Volkspolizei Ostberlin wurde er 1976 wegen des unerlaubten Verbreitens von Flugschriften verhaftet, in Stuttgart aus demselben Grund der Buchmesse verwiesen. Weil er das Burgtheater beklebte, wurde er in der Heimat Wien wegen Sachbeschädigung verurteilt.

Auf seiner Homepage versammelte Christian Ide Hintze auch Zitate über sich selbst. "Die Texte des Delinquenten sind Obszönitäten und Wortspiele. Es besteht kein Bedarf nach derartigen Texten in der DDR", wird das ein Polizeioffizier zitiert. Ein anderes stammt von Erich Fried: "Hintze wird in Österreich, wenn überhaupt, nur als Ärgernis bemerkt." Und ein drittes - von Peter Henisch: "Entweder ist das ein besonders sturer oder ein besonders konsequenter Mensch. Entweder ein Besessener oder ein Idiot, aber womöglich einer von der Sorte des reinen Toren Myschkin."

INFO: http://sfd.at

(APA)

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