Wien Wolkig 15.4°C
Quelle: ZAMG

Kolumne

Interviews

Bildergalerien

Howard Cruse zeichnet Sittenbild der 60er Jahre

21.10.2011 - 08:05
das Opus Magnum von Howard Cruse© APA (Cross Cult)das Opus Magnum von Howard Cruse

Homosexualität, Identitätszweifel und der Rassismus in den USA der 1960er Jahre: Es sind keine leichten Themen, die der US-amerikanische Comiczeichner und Autor Howard Cruse ins Zentrum seines Opus Magnum "Stuck Rubber Baby" stellt.

In den 1980er Jahren machte sich Cruse u.a. als Verleger der "Gay Comix" und als Schöpfer der deutlich humoristischeren Fortsetzungsserie "Wendel" einen Namen, der große Wurf gelang ihm aber mit seiner semiautobiografischen Geschichte, die 1995 erstmals veröffentlicht wurde. Nun liegt die Graphic Novel in einer deutschen Neuauflage wieder vor und hat auch 16 Jahre nach der Erstveröffentlichung nichts von ihrer Dringlichkeit und Relevanz eingebüßt.

Begrüßt wird der Leser auf der ersten Seite von einem bärtigen Mann mittleren Alters. Toland Polk erzählt die Geschichte seines Lebens, verwoben mit neu aufkommenden Gefühlen in seiner Jugend, Ereignissen der Bürgerrechtsbewegung und der immer mehr an Selbstvertrauen gewinnenden Homosexuellenbewegung. Wiewohl der mittlerweile 67-jährige Cruse im Nachwort deutlich darauf hinweist, dass es sich um eine rein fiktive Erzählung handle, sind die gekonnt gesetzten Querverweise auf reale Geschehnisse allgegenwärtig.

Sein Alter Ego sieht sich mit verschiedenen Schicksalschlägen konfrontiert. In einfach gestalteten schwarz-weißen Bildern, die trotz ihrer Ruhe und Stimmigkeit stets eine brodelnde Energie vermitteln, entfaltet Cruse ein Sammelsurium an sehr unterschiedlichen Charakteren, verzichtet dabei aber entgegen der farblichen Gestaltung auf zu kurzgreifende Schlüsse. Während sich Polk für die Bürgerrechtsbewegung rund um Martin Luther King Jr. interessiert, trifft er etwa auf die engagierte Studentin Ginger, den schwulen Organisten Sammy oder das Paar Riley und Mavis, deren Haus zusehends zum Treffpunkt für verlorene Existenzen gerät.

Der Marsch auf Washington, der legendäre Bus-Boykott der schwarzen Bevölkerung von Montgomery im US-Staat Alabama und gesellschaftskritische Folkmusik werden ebenso abgehandelt wie Morde durch den Ku Klux Klan, Bombenanschläge oder lokal vertriebene Hetzblätter. Das fiktive Städtchen Clayfield wird auf eine Zerreißprobe gestellt, eine effektive Lösung oder gar ein Happy End stellt Cruse dabei ebenso wenig in Aussicht, wie er es seinem Protagonisten Polk leicht macht, sich seiner eigenen Homosexualität gegenüber zu stellen und diese zu akzeptieren.

Der Zeichenstil von Cruse unterscheidet sich in "Stuck Rubber Baby" deutlich von seinen vorangegangenen Arbeiten und orientiert sich eher an Vorlagen der 1960er und 70er Jahre als an den vorherrschenden Stil der 90er. Das über vier Jahre realisierte Projekt, das ihn auch an den Rand des finanziellen Ruins brachte, besticht dabei vor allem durch den Wechsel der Panelgestaltung: Trotz der Textlastigkeit gelingt Cruse durch ungewöhnliche Choreographie der Bilder immer wieder eine Verdichtung der Intensität, womit sowohl die gesamte Seitengestaltung wie auch jedes Einzelbild eine enorme Sogwirkung erzeugen.

"Ich war anders geboren... und niemand würde mich jemals ansehen und denken, wie wunderbar es sei, dass ich verliebt bin", hält Polk an einer Stelle fest. Viel muss geschehen, bis er zu seinem Coming-out stehen kann. Die Graphic Novel von Cruse, die mit Eisner- und Harvey-Award sowie dem Kritikerpreis des Comicfestivals Angouleme einige der renommiertesten Auszeichnungen der Branche erhalten hat, ist als Sittenbild einer Zeit zu verstehen, die an teils unter der Oberfläche schwelenden Reibungen zu zerbrechen droht. Ein zeichnerischer wie erzählerischer Kraftakt, mit bestechender Detailverliebtheit umgesetzt, dessen scheinbare optische Simplizität keinesfalls im Gegensatz zum gewichtigen Inhalt steht.

INFO: Howard Cruse: "Stuck Rubber Baby", Cross Cult, 240 Seiten, 26,80 Euro, ISBN 978-3-942649-28-5.

(APA)

Home
Meinung
Politik
Chronik
Wirtschaft
Sport
Kultur
Society
Life
Reise
Motor
Hightech