Quelle: ZAMG

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"Auf offenem Meer": Erzählband von Bettina Balaka

24.03.2010 - 08:00
Sechs neuer Erzählungen der Salzburgerin© APASechs neuer Erzählungen der Salzburgerin

Wenn ein Erzählband "Auf offenem Meer" heißt und die erste Erzählung den Titel "Titanic" trägt, dann erwartet man frische Brisen, hohe Wellen, endlose Weiten und das gelegentliche Erscheinen eines Eisbergs. Nichts von alledem findet sich jedoch in dem ersten und längsten Text des neuen Buches von Bettina Balàka.

Er spielt in der Todeszelle und einem Büro eines sowjetischen Gefängnisses, in der Zeit der Abwehrschlachten gegen den Überfall Nazi-Deutschlands. So, wie Balàka in ihrem Roman "Eisflüstern" ein überzeugendes Panorama des Jahres 1922 gelang, schafft sie auch diesmal den Sprung in Zeit und Raum mit imponierender Leichtigkeit.

Die 40 Seiten von "Titanic" weisen die in Wien lebenden Salzburgerin als stilsichere Autorin aus, bei der sich Fantasie mit sprachlicher Suggestivkraft und dramaturgischer Präzision verbindet. Die Konfrontation des wegen angeblichen Hochverrats (und etlicher weiterer Anklagepunkte) zum Tod verurteilten Wissenschafters Nikolai Iwanowitsch Wawilow mit dem stellvertretenden Gefängnisdirektor wird zum faszinierenden Kräftemessen von Geist und Macht. Vor dem Hintergrund durch Krieg und Blockade verursachter schrecklicher Hungersnöte wird die Auseinandersetzung um die Forschungen des Agrarexperten und seine riesige Saatgut-Sammlung, die bedrohte und seltene Getreide-, Gemüse- und Obst-Sorten vor dem Aussterben bewahren soll, mit mehr als nur einem doppelten Boden geführt.

In das Ringen der mit ungleichen Geisteskräften, aber auch höchst unterschiedlichen Befugnissen ausgestatteten Männer schaltet sich unerwartet jemand Dritter ein: die Gattin des Direktors, die dem langsam verhungernden Forscher nahrhafte Kostbarkeiten zukommen lässt - was Wawilow ebenso mit Verblüffung quittiert wie die Tatsache, dass der Direktor ihm das Essen tatsächlich überbringt und nicht selbst verzehrt. Balàkas Geschichte hält Vergleiche mit anderen, in den vergangenen Jahren erschienenen Erzählungen aus Zeiten von Diktaturen stand - und diese stammen immerhin von Warlam Schalamow, Wassili Grossman oder Herta Müller.

Wie Galileo Galilei und sein erzwungenes Abschwören von wissenschaftlicher Erkenntnis in der ersten der sechs Erzählungen, ist Isaac Newton und das "Längengradproblem" in der zweiten präsent. Auch hier hat der Leser bald wie selbstverständlich sein Quartier bezogen auf einer Brigg namens Mary Mallory, die von England in die Karibik segelt und auf der sich ein kleiner Schiffsjunge zum Komplizen eines schrulligen, mit allerlei wissenschaftlichen Instrumenten hantierenden Passagiers macht.

In "Friendly Fire" landen wir auf der Anubis, dem Hochtechnologie-Flaggschiff des "Bunds Freier Staaten", und damit erneut auf hoher See, diesmal aber in der Zukunft. Auch hier gelingt es Balàka unter gänzlich veränderten Bedingungen erneut sich zu bewähren und geschickt Spannung aufzubauen. Die drei folgenden Texte sind um vieles kürzer und um einiges weniger überzeugend. Sie führen in ein Frauengefängnis, eine chaotische französische Familie und in ein hübsch konstruiertes Gewissensdilemma rund um eine arisierte Villa. Den Beweis der Vielfältigkeit führen sie allemal. Denn mit diesem Buch, das morgen in Graz und am Donnerstag in Wien vorgestellt wird, hat Bettina Balàka wohl endgültig bewiesen, dass sie in der vordersten Reihe der zeitgenössischen österreichischen Literatur einzuordnen ist.

INFO: Bettina Balàka: "Auf offenem Meer. Erzählungen", Haymon Verlag, 128 Seiten, 16,90 Euro, ISBN 978-3-85218-625-2; Buchpräsentation am 25.3., 19 Uhr, in der Hauptbücherei Wien, Urban-Loritz-Platz 2a.

(APA)

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