Quelle: ZAMG

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Politik als Spiel: Druckvoller "Kandidat" im Akademietheater

01.11.2018 - 13:32
"Der Kandidat" im Akademietheater© APA"Der Kandidat" im Akademietheater

Das politische Parkett als überdimensionales Roulette: Für dieses sehr sprechende Motiv hat sich Georg Schmiedleitner in seiner Inszenierung von Carl Sternheims "Der Kandidat" entschieden. Unablässig jagt er die Figuren auf einem runden, weiß leuchtenden Podest im Kreis. Mittendrin: Gregor Bloeb, der Mittwochabend auf der Bühne des Akademietheaters seine Glückssträhne feierte.

Auch wenn Florian Hirsch in seiner Bearbeitung das zunächst 1873 von Gustave Flaubert ersonnene und 1913/14 von Sternheim übersetzte und bearbeitete Stück gestrafft und sprachlich stark entstaubt hat - im Kern hat das sich um Beliebigkeit, Machtrausch und Selbstvergessenheit drehende Werk wenig an Aktualität eingebüßt. Bloeb gibt den an Langeweile erstickenden Ex-Bankier Russek, der aus einer Laune heraus beschließt, in die Politik zu gehen. Sofort umschwirren ihn, den naiven Reichen, zahlreiche Einflüsterer aller Couleurs. "Jede Partei hat ihr Gutes", sinniert der im Pyjama durch seine Villa schlurfende Millionär, der im Laufe des Wahlkampfs mehrmals zwischen den Liberalen, den Konservativen und den Sozialdemokraten hin- und herschwankt und seine Worthülsen "situationselastisch" anpasst.

Angetrieben wird Russek, dem Bloeb im Laufe des zweistündigen Abends eine bemerkenswerte Entwicklung vom verpeilten Wirrkopf zum smarten Strahlemann verleiht, aber auch von daheim: Seine grotesk verwöhnte Frau (Petra Morzé) wittert die Chance, wieder an der Seite eines im Rampenlicht stehenden Mannes zu leben. Die Tochter Luise, etwas ungelenk angelegt von Christina Cervenka, liebt den Medienunternehmer Grübel (Florian Teichtmeister). Der Darsteller kitzelt aus dieser Figur, die als Strippenzieher schlussendlich auch nur ihr eigenes Happy End im Sinne hat, mit viel Elan das wahre Machtpotenzial und bringt mit dem Fotografen Seidenschnur (Dietmar König) taktisch klug einen potenziellen Gegenkandidaten ins Spiel. Dass die Anwältin Evelyn (in ihrer Falschheit bestechend: Sabine Haupt) eine ganz eigene Agenda verfolgt, wundert dann am Ende gar nicht mehr.

Schmiedleitner setzt auf groteske Bilder, schnelle Szenen und zu fortschreitender Stunde auf die eine oder andere Plattitüde, die den ohnehin augenfälligen Bezug zu jüngsten Wahlkämpfen in Österreich über das Ziel hinausschießen lässt. Die zunächst vor allem sprachliche, in weiterer Folge jedoch zunehmend inhaltliche Zuspitzung durch den Dramaturgen Florian Hirsch lässt den Abend immer wieder an den Rand des Slapsticks abgleiten. Der von Bühnenbildner Volker Hintermeier über der weiß leuchtenden Roulette-Bühne drapierte runde Riesenspiegel passt da gut dazu, verdoppelt er die Botschaft doch einmal zu oft.

Stehsätze und Unworte wie "Gutmensch", "Türsteher der Nation" oder "Grenzen schließen" dominieren das letzte Drittel des Abends, als Herr Russek sich nach vielen Intrigen schließlich doch für eine Partei entschieden hat und das unmöglich Geglaubte schafft - er gewinnt. Schon in seiner (von Hirsch hinzugeschrieben) Antrittsrede, die er smart das Roulette abschreitend hält, kündigt er einen politischen Systemumbau an, der vor wenigen Jahren noch als dystopisch gegolten hätte. Gerade das Nebeneinanderstehen von bekannten Maßnahmen mit immer noch grotesken Wahnvorstellungen lässt einen frösteln. Kalt war am Ende allerdings weder den vom vielen Im-Kreist-Turnen schwitzenden Schauspielern noch dem Publikum, das lang anhaltenden Applaus spendete.

(APA)

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