Quelle: ZAMG

Interviews

Kaufmann und Damrau würzten Festspiele mit heißer Liebe

04.08.2018 - 12:40
Tenor und Publikumsliebling Jonas Kaufmann© APA (dpa)Tenor und Publikumsliebling Jonas Kaufmann

Lange war nicht klar, was Jonas Kaufmann bei den diesjährigen Salzburger Festspielen auf den Tisch zaubern würde. Dann äußerte er den Wunsch, mit Diana Damrau gemeinsam aufzutreten. Letztlich gab es Italienisch, weil es immer gelingt und jedem schmeckt. Und so ging am Freitag bei einem Liederabend die Liebe durch den Magen und das Große Festspielhaus.

Ein rein italienischer Abend war es trotzdem nicht: Den kann man sich am 29. August servieren lassen, wenn Anna Netrebko und ihr Mann Yusif Eyvazov sich und dem Publikum Liebesduette von Verdi und Puccini entgegen schmachten. Kaufmann und Damrau haben Hugo Wolfs "Italienisches Liederbuch" gewählt. Das Liederbuch basiert auf einer Sammlung einfacher und dialektal gefärbter italienischer Liedtexte, die Paul Heyse Mitte des 19. Jahrhunderts auf einer Italienreise sammelte und als Nachdichtung ins Deutsche übertrug. Hugo Wolf fand und vertonte sie schließlich mit der Intention, feine Stimmungen abzubilden.

Und dort liegt der Hund begraben: Intime Liebeslieder in einem Saal, in dem Andris Nelsons am vergangenen Wochenende erst Mahlers Zweite mit den Wiener Philharmonikern auferstehen ließ, gesungen von zwei großen Stimmen, die auf derselben Bühne schon so große Partien wie "Fidelio" interpretiert haben, kann das gut gehen? Es kann und es muss! Kaufmann und Damrau sind gefeierte und heiß geliebte Weltstars der Szene und wagen mit Wolfs Liederbuch kein Experiment, sondern tischen ein durchgezogenes Spezialgericht auf. Im Februar diesen Jahres waren sie mit dem Liederbuch bereits auf Tournee.

Die insgesamt 46 kleinen Stücke haben sie auf eine Selektion von Liebesliedern reduziert, die sie wiederum thematisch passend in vier Gruppen aufgeteilt haben. Auf diese Weise entstehen vier in sich schlüssige Mini-Dramen, womit man wieder beim Kerngeschäft angekommen wäre. Ein einfacher Hugo Wolf-Abend hätte vermutlich auch nie seinen Weg auf die Hauptbühne des Festivals gefunden. 

Den vier Liebesszenen wohnt eine emotionale Dramaturgie inne, die sich vom schüchternen Annähern über liebliches Necken bis hin zur schmerzvollen Trennung ausbreitet. Da war nicht nur gesangstechnische Haute Cuisine, sondern auch darstellerische Höchstleistung zu sehen. Die Gefühle kochten gar über, etwa wenn Damrau ihrem Werber mit lupenreinen Koloraturen zu verstehen gab, dass sie "das Ständchen eines Esels" vorzöge, oder ihm mit feinem Vibrato erst den Mund wässrig machte, um ihm dann - unter pointiertem Klaviereinsatz von Helmut Deutsch - ein "Ich bin verliebt, doch nicht in dich" vor die Füße zu schmeißen. 

Umgekehrt brachte Kaufmann höchst emotional ohne den Anflug von übermäßigem Pathos das Herz seiner Angebeteten - und überhaupt aller Damen im Saal - mit seinem warmen Timbre zum Schmelzen. Dafür hätte es nicht einmal Worte gebraucht. Aus seinem Mund klangen sie trotzdem schön, besonders, als Kaufmann bewusst reduziert Sätze wie"Ich sterbe lieblich, sterb' ich deinetwegen" schmachtete und damit innigste Spannung schuf. Das Geheimrezept dieser fesselnden Intimität: Gezielte Fokussierung, mit der Kaufmann wie Damrau die Größe des Festspielhauses in die Knie zwangen und die Illusion kreierten, man wäre gerade Teil eines romantischen Rendezvous beim schummrigen Italiener um die Ecke. 

Keinen billigen Trick, aber bewusste Wahl darf man Kaufmann mit dem Programm schon unterstellen, wenn man in der Konzertankündigung liest, dass er "auf besonderen Wunsch einen Liederabend mit Diana Damrau bei den Festspielen gestaltet". Damit hatte man vor Bekanntgabe des endgültigen Programms die Neugierde etwas hoch geschürt, um dann mit Tourneeprogramm ums Eck zu kommen. Aber letztlich gaben beide Sänger und auch Pianist Helmut Deutsch den Abend mit so viel ehrlich empfundener Liebe zur Sache, die ab der ersten Minute von der Bühne in den Zuschauerraum überschwappte, dass man am Ende nicht böse sein konnte und vor Begeisterung mitjubeln musste. Ein Programm, das ein bisschen an den Stammitaliener erinnert, den man seit Jahren aufsucht, weil man weiß, dass es immer wieder gut schmeckt. Buon Appetito!

(APA)

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