Quelle: ZAMG

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"Salome" als Asmik Grigorians Schicksalsrolle in Salzburg

29.07.2018 - 13:13
Grigorian begeisterte das Publikum© APAGrigorian begeisterte das Publikum

Es dürfte einer dieser Festspielmomente sein, auf den noch in vielen Jahren verwiesen wird, wenn man dereinst den Werdegang von Asmik Grigorian schildert: So wie bis heute bei Anna Netrebko ihre legendäre Donna Anna bei den Salzburger Festspielen 2002 als der internationale Durchbruch gilt, dürfte die heurige "Salome" für Grigorian den Aufstieg in die absolute A-Liga ihrer Zunft bedeuten.

Das liegt auch an der herausragenden, ebenso symbolbeladenen wie sich einbrennenden Regiearbeit Romeo Castelluccis, sowie auch an der markanten Arbeit von Franz Welser-Möst mit den Wiener Philharmonikern. Und doch überstrahlt die 37-jährige Litauerin mit ihrer Präsenz, ihrer stimmlichen Agilität und ihrem Aussehen diese zweite Opernpremiere der heurigen Festspiele.

Grigorian, die bereits im Vorjahr bei den Festspielen als Marie im "Wozzeck" einen großen Eindruck hinterlassen hatte, ist nun bei ihrem Rollendebüt die Salome unserer Zeit schlechthin: Eine zwischen Missbrauch und eigenem Gewaltexzess, Begehren und Hass changierende Frau. Mal kecke, neckende Pubertierende, mal Racheengel im Furor. Dies vermag sie nicht nur darstellerisch umzusetzen - Grigorian ist auch imstande, diese Sopranpartien, die letztlich verschiedenste Stimmtypen in sich vereint und zugleich eine gewaltige Stimmkraft voraussetzt, um sich über die Dauer der Oper hinweg gegenüber dem gigantischen Orchesterapparat durchzusetzen, stimmlich nachgerade paradigmatisch zu interpretieren.

Durchaus zu Recht ging Romeo Castellucci beim Schlussapplaus vor seiner Hauptdarstellerin auf die Knie. Dabei hätte der 57-jährige Regiemystiker, der wie immer auch für Bühne, Kostüme und Licht verantwortlich zeichnet, durchaus allen Grund gehabt, mit erhobenem Haupt in die Felsenreitschule zu schreiten. Schließlich gelingt ihm mit seiner markanten Handschrift eine ebenso poetische wie konkrete Deutung der Strauss-Oper, in der sich symbolistische Tableau vivants zu einem beinahe an Installationen erinnernden Duktus verbinden, ohne dabei das theatrale Element zu vernachlässigen.

Castellucci hat die Arkaden der Felsenreitschule täuschend echt schließen lassen und damit ein ebenso klaustrophobisches wie rohes Ambiente geschaffen. Dieses gigantische Rund in einen intimen Raum zu verwandeln, ist schon eine Leistung. In diesem entfaltet sich das Geschehen in Zeitlupe. Bisweilen erinnert diese "Salome" an Robert Wilsons Theater, ohne jedoch auf dessen überzeichnende Elemente zurückzugreifen. Der Herodes-Hof ist eine aseptische, verknöcherte Gemeinschaft, aus der einzig die in Weiß gewandete Salome und der in Dichotomie als Pendant in wildem Schwarz auftretende Jochanaan herausstechen. Die Figuren sehen sich meist nicht an, wenn sie miteinander sprechen, die ausgeklügelte Bewegungschoreografie bleibt meist autistisch auf sich selbst beschränkt, ohne Interaktion.

Zwei der Kernszenen der "Salome" werden von Castellucci gänzlich umgedeutet. So gibt es keinen minutenlangen Schleiertanz - ein Klippe, die bei fast allen Inszenierungen der Strauss-Oper zum Schiffbruch führt. Stattdessen geht Salome bewegungslos in die Embryonalstellung, zeigt das Verharren als umso evidenteres Symbol des Missbrauches. Überdies wird am Ende der Prinzessin nicht der abgeschlagene Kopf des Propheten präsentiert, sondern dessen dekaptierte Leiche. Die Präsenz des Nichtpräsenten, des abgeschlagenen Hauptes, wird dadurch letztlich umso eindringlicher. Das Verlangen ist letztlich unerfüllbar.

Vieles bleibt erratisch in dieser Inszenierung, soll erratisch sein und über die Erklärbarkeit hinaus seine Tiefenwirkung entfalten. Die Dunkelheit breitet sich von Jochanaan ausgehend im gesamten Raum aus, Salome badet in weißer Muttermilch, Monochromie ohne Monotonie. Und wie schon bei seinem Pariser "Moses und Aron" bringt Castellucci auch in Salzburg ein lebendes Tier auf die Bühne. In der symbolischen Parallelität von Mann und Hengst stellt er diesesmal ein echtes Ross ins Rund, das durch seine in ihrer Wesensbeschaffenheit untheatrale Animalität eine eigene Bühnenmagie der Gleichzeitigkeit ungleichzeitiger Zustände entfaltet.

Und schließlich gesellt sich zu diesem alles andere als lieblichen Gestus die musikalische Gestaltung aus dem Graben hinzu. Franz Welser-Möst führt die Wiener Philharmoniker, die ihren Strauss aus dem Effeff kennen, durch ein Feld der Extreme. Er beginnt ungewöhnlich leise, subtil, um alsbald in den Ausbruch zu gehen. Im gesamten Verlauf der Oper changiert Welser-Möst mit den Philharmonikern zwischen den Dynamiken, fragmentiert das Werk bewusst in seine Bruchlinien. Er sucht nicht das Klangamalgam des Friktionen übertünchenden Kitts, sondern hält manche Ecken so schroff wie die neu gewonnene, geschlossene Wand der Felsenreitschule.

Applaus und stehende Ovationen gab es am Ende für alle Beteiligten, gesellten sich doch mit John Daszak als Herodes, Anna Maria Chiuri als Herodias, Gabor Bretz als Jochanaan und vor allem dem herausragenden jungen deutschen Tenor Julian Pregardien als Narraboth eine solide bis hochklassige Besetzung zum Geschehen. Und doch galt der mit Abstand wildeste Jubel Asmik Grigorian. Und das absolut verdient.

(APA)

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