Quelle: ZAMG

Interviews

Festspiele Erl - Künstlerinnen klagen sexuelle Übergriffe an

25.07.2018 - 18:08
Gustav Kuhn soll sexuell übergriffig geworden sein© APAGustav Kuhn soll sexuell übergriffig geworden sein

Die Causa Festspiele Erl spitzt sich zu: Fünf Künstlerinnen klagen in einem am Mittwoch veröffentlichten, offenen Brief den künstlerischen Leiter, Gustav Kuhn, wegen sexueller Übergriffe bzw. Missbrauch an. Sie sprechen von "anhaltendem Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen" während ihrer früheren Engagements. Der "Maestro" ließ alle Anschuldigungen zurückweisen, die Staatsanwaltschaft prüft.

Es ist zum ersten Mal, dass sich Künstler mit Vorwürfen sexueller Übergriffe namentlich an die Öffentlichkeit wenden - und damit die derzeit laufenden Festspiele in schwerste Bedrängnis bringen. Bis dato gab es diesbezüglich lediglich anonyme Vorwürfe. Die Frauen schreiben in dem an Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner gerichteten, unterzeichneten Schreiben zu den Übergriffen: "Auch einige von uns waren solchen ausgesetzt: unerwünschtes Küssen auf den Mund oder auf die Brust, Begrapschen unter dem Pullover, Griff zwischen die Beine etc., von obszöner verbaler Anmache ganz zu schweigen. Immer wieder wurden die Grenzen der persönlichen Würde und des Respekts uns gegenüber missachtet und überschritten. Regelmäßig waren wir der ungehemmten Aggression des künstlerischen Leiters ausgesetzt."

"Massive seelische Gewalt in Form von Mobbing, öffentlicher Bloßstellung, Demütigung und Schikane" seien auf der Tagesordnung gestanden. "Wer den Spielregeln nicht folgte, wurde mit Repressalien und Ausgrenzung bestraft: Versprochene Rollenaufträge und Verträge wurden zurückgezogen, die zuvor gelobte Leistung war plötzlich nichts mehr wert oder wurde coram publico ins Lächerliche gezogen, um nur einige Beispiele zu nennen", klagten die Frauen an.

Die Künstlerinnen, die zwischen 1998 und 2017 in Erl engagiert waren, zeigten sich empört, dass "trotz der allseits bekannten Faktenlage die notwendigen Konsequenzen noch immer auf sich warten lassen, sowohl vonseiten der Präsidentschaft der Festspiele als auch vonseiten der zuständigen Politik". Die unangemessene Art, wie auf das Ansprechen der Zustände bei den Festspielen reagiert worden sei, habe es ihnen unmöglich gemacht, länger über ihre eigenen Erfahrungen zu schweigen.

Bei den Künstlerinnen handelt es sich um Aliona Dargel, Violinistin aus Weißrussland, die deutsche Sopranistin Bettine Kampp, Violinistin Ninela Lamaj aus Albanien bzw. Italien, Mezzosopranistin Julia Oesch und Sopran Mona Somm aus der Schweiz, die 2011 als Venus in Wagners Oper "Tannhäuser" umjubelt wurde. Mit ihrem nunmehrigen Gang an die Öffentlichkeit möchten sie "auch weitere Betroffene auffordern, sich zu gemeinsamem Handeln zusammenzuschließen", erklärten die Frauen.

Julia Oesch bekräftigte unterdessen die Vorwürfe und sprach im Interview mit dem Ö1-"Kulturjournal" Mittwochabend von "sexuellen Übergriffen, die einige von uns erleben mussten, auch ich persönlich". Alles , was in dem Brief angeführt werde, habe sie auch so erlebt, betonte Oesch. Man sei auch regelmäßig von Kuhn zusammengeschrien worden. Dass man in Tränen ausbrochen ist, sei "an der Tagesordnung gewesen". "Es waren teilweise solche Angriffe, die so tief ins Persönliche gingen, dass man teilweise verzweifelt die Bühne verlassen musste".

Die Künstlerinnen seien "nicht angstfrei, aber wir sind mutig und uns trotzdem der Tragweite bewusst", sagte die Mezzosopranistin und meinte zudem: "Erl wird vielleicht nicht mehr das sein, was es war". Die Verantwortlichen dort würden nun "sicher zurückschlagen", aber sie sehe sich in der gesellschaftlichen Verantwortung. Man müsse Dinge ansprechen. "Wenn wir wollen, dass es der nächsten Generation nicht mehr so geht wie uns, dann müssen wir mutig sein, auch wenn es teilweise Überwindung kostet", erklärte Oesch.

Staatsanwaltschaftssprecher Florian Oberhofer verwies indes auf das laufende Ermittlungsverfahren gegen Kuhn wegen sexueller Belästigung, in dem noch Einvernahmen anstehen würden. Die Personen, die den offenen Brief verfasst haben, sowie die darin enthaltenen Vorwürfe seien für die Anklagebehörde "teilweise nichts Neues, sondern schon bekannt". Es werde nun zu prüfen sein, inwieweit sich über diese Vorwürfe hinaus sich "allenfalls weitere Verdachtsmomente gegen konkrete Personen ergeben".

Kuhn selbst ließ die schweren Vorwürfe über seinen Anwalt, Ex-Justizminister Michael Krüger, zurückweisen - und stellte mögliche Klagen in den Raum. Sein Mandant werde sich gegen diese "Menschenjagd" mit den Mitteln des Rechtsstaates zu wehren wissen, so Krüger, der den Tiroler Blogger Markus Wilhelm als Drahtzieher vermutet. Die Frauen seien zum Teil schon viele Jahre nicht mehr in Erl aufgetreten oder deren Engagements aus künstlerischen Gründen nicht verlängert worden, meinte der Anwalt.

Tirols Kulturlandesrätin Beate Palfrader (ÖVP) ließ wissen, die Vorwürfe würden sie "sehr betroffen" machen. Man nehme diese sehr ernst. Bund und Land seien dazu bereits in engem Kontakt. "Für uns sind volle Transparenz und Aufklärung wie bisher wichtig und selbstverständlich. Die Staatsanwaltschaft wurde umgehend informiert, nach deren Beurteilung müssen umgehend weitere Schritte gesetzt werden, so Palfrader. Ähnlich äußerte sich Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP).

Nicht so lange warten wollen die Tiroler Grünen, Koalitionspartner der ÖVP auf Landesebene. Sie verlangten die vorläufige Suspendierung Kuhns. "Der zuständige Vorstand muss Konsequenzen ziehen", erklärte der stellvertretende Klubobmann Georg Kaltschmid. Die Vorwürfe seien massiv, sie seien konkret und sie seien glaubwürdig genug, "dass vom Vorstand nicht länger zur Tagesordnung übergangen werden kann". Ebenfalls "Konsequenzen" forderte die Tiroler SPÖ.

(APA)

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