Quelle: ZAMG

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Salzburger Festspiele: Drama zwischen Antike und Gegenwart

09.07.2018 - 10:53
Schauspiel-Chefin Bettina Hering© APASchauspiel-Chefin Bettina Hering

Johan Simons, Frank Castorf, Dusan David Parizek und Ulrich Rasche - es sind vier starke Regisseure mit unverkennbaren Handschriften, die heuer das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele prägen. Möglichst unterschiedliche Formensprachen zu präsentieren sei ihr wichtig, betont Schauspielchefin Bettina Hering. Den Anfang macht aber am 22. Juli der unverwüstliche "Jedermann" am Domplatz.

"So einen biederen, völlig weihelosen ,Jedermann' gab es schon lange nicht mehr", urteilte im Vorjahr die "FAZ" über Michael Sturmingers Neuinszenierung des Traditionsstücks mit Tobias Moretti und "Buhlschaft" Stefanie Reinsperger, während die "NZZ" "ein beinahe leises, mutig säkulares Kammerspiel" ortete. So uneins die Kritik in ihrer Bewertung des Versuchs war, dem salbungsvollen Bekehrungsstück das Katholische auszutreiben, so einig war man sich darüber, dass dem Regieeinspringer kein großer Wurf gelungen war und dass dessen Haltbarkeitsdatum wohl vor dem 100-Jahr-Jubiläum 2020 auslaufen werde. Für heuer ist nicht nur eine neue Musik (Wolfgang Mitterer ersetzt Matthias Rüegg), sondern auch die merkliche Veränderung einiger Szenen sowie der Tischgesellschaft angekündigt. Eine kurzfristige Umbesetzung im ansonsten gleichen Ensemble wurde erst vor wenigen Tagen bekannt: Martina Stilp übernimmt von Eva Herzig die Rolle "Des Schuldknechts Weib".

Eine Woche später zeigt man im Landestheater ein Stück, das ideal zum Festspielmotto "Passion, Ekstase, Leidenschaft" passt: Heinrich von Kleists Trauerspiel "Penthesilea" präsentiert sich in Johan Simons' Regie jedoch in ganz ungewohnter Manier: als Zwei-Personen-Stück. Alles ist fokussiert auf Penthesilea und Achilles. "Duell und Duett. Zwei Menschen zwischen Trugspiel und Wahn, zwischen Traum und Wahrheit, zwischen Krieg und ewigem Frieden, zwischen Exzess und Erkenntnis", wirbt Dramaturg Vasco Boehnisch für seine Textfassung. Erlesen ist die Besetzung: Die Titelrolle spielt Sandra Hüller, die im Kino nach ihrem Erfolg mit "Toni Erdmann" kürzlich auch in der Großmarkt-Lovestory "In den Gängen" bezauberte, Achilles ist Jens Harzer, vor zwei Jahren ein eindrucksvoller Caliban im "Sturm" auf der Pernerinsel.

Dort darf sich heuer Frank Castorf austoben. Der Ex-Volksbühnen-Intendant, der kürzlich am Residenztheater München einen doppelten "Don Juan" auf die Bühne brachte, erlebt als freier Regisseur mit 66 Jahren seinen x-ten Frühling. Auf Herings Vorschlag widmet er sich Knut Hamsuns Roman "Hunger" und packt zu dieser wahren Passions- und Leidensgeschichte auch noch das zwei Jahre später erschienen Sequel "Mysterien" mit dazu. Ab 4. August gibt es bei der Umsetzung des streams of consciousness, der Literaturgeschichte geschrieben hat, ein Wiedersehen mit zahlreichen Protagonisten des ehemaligen Volksbühnen-Ensembles, darunter der ehemaligen Buhlschaft Sophie Rois.

Samuel Finzi und Mavie Hörbiger (die im "Jedermann" auch wieder die Rolle der "Werke" gibt) sind die Protagonisten der zweiten Romanbearbeitung, die gleichzeitig das zweite Zwei-Personen-Stück im Festspielprogramm ist. Dusan David Parizek hat sich in einer Koproduktion mit dem Burgtheater und dem Deutschen Theater Berlin des Romans "Kommt ein Pferd in die Bar" von David Grossman angenommen. Ein Stand-Up-Comedian tritt zur Abrechnung mit sich selbst an und lässt eine Vorstellung aus dem Ruder laufen. Für Parizek eine nur scheinbar kleine Geschichte, die auf ganz Großes zielt. Premiere ist am 8. August im republic. Tags zuvor gibt es eine Lesung aus Werken Grossmans und eine Diskussion mit dem Autor.

Eine Wucht verspricht die letzte Schauspielproduktion zu werden, die am 18. August zur Premiere kommt. Ulrich Rasche, mit seinem Maschinentheater derzeit bei Kritikern, Intendanten und Festivalmachern hoch im Kurs, nimmt sich des ältesten Dramas der Menschheit an und zeigt "Die Perser" des Aischylos. Zwei große Scheiben in Dauerrotation sollen das Landestheater an seine Grenzen treiben, die Schrecken des Krieges und die überwältigende Kraft chorischer Sprache unmittelbar anschaulich machen. Mit Katja Bürkle, Valery Tscheplanowa und Patrycia Ziolkowska sind dabei drei absolute Topdarstellerinnen hautnah zu erleben.

Ergänzt wird dieses Programm durch Lesungen von Peter Simonischek, Edith Clever und Bruno Ganz, einem Gespräch zwischen Hering und Castorf zu "Literatur und Moral" und einen Marathon-Filmtag mit Verfilmungen nach und über Knut Hamsun. Zum 80. Geburtstag von Walter Kappacher gibt es zudem am 24. August eine Hommage an den Büchner-Preisträger.

(APA)

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