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Literaturnobelpreis wird 2018 nicht vergeben

04.05.2018 - 22:46
Krise rund um den Literatur-Nobelpreis© APA (dpa)Krise rund um den Literatur-Nobelpreis

Erstmals seit knapp 70 Jahren wird der Literaturnobelpreis in diesem Jahr nicht vergeben. Die Verleihung solle kommendes Jahr nachgeholt werden, teilte die Schwedische Akademie am Freitag in Stockholm mit. Die Entscheidung werde dann parallel zur Kür des Preisträgers 2019 bekanntgegeben. Für Literaturkritikerin Sigrid Löffler könne der Preis seine Glaubwürdigkeit nur durch Reformen zurückgewinnen.

Die Akademie steckt infolge eines Missbrauchsskandals in einer tiefen Krise. "Die aktiven Mitglieder der schwedischen Akademie sind sich vollkommen bewusst, dass die aktuelle Vertrauenskrise sie zu einer langen und energischen Reformarbeit verpflichtet", wurde der Interimsvorsitzende der Akademie, Anders Olsson, in der Mitteilung zitiert. Es sei "unerlässlich, uns Zeit zu geben, um das Vertrauen vor der Kür des nächsten Preisträgers wieder herzustellen".

Die Schwedische Akademie war Ende 2017 durch Missbrauchsvorwürfe in eine tiefe Krise gestürzt worden. Sechs der 18 Mitglieder legten in der Folge ihr Amt nieder, darunter die Vorsitzende Sara Danius und das Mitglied Katarina Frostenson, gegen deren Mann sich die Belästigungsvorwürfe richten.

Die Zeitung "Dagens Nyheter" hatte im November im Zuge der weltweiten #MeToo-Enthüllungen berichtet, dass Frostensons Ehemann, der Franzose Jean-Claude Arnault, über Jahre hinweg 18 weibliche Mitglieder der Akademie, Frauen oder Töchter von Akademiemitgliedern und Mitarbeiterinnen belästigt oder missbraucht haben soll. Arnault ist selbst Künstler und Leiter eines Kulturzentrums.

Die Akademie kappte daraufhin alle Beziehungen zu Arnault, strich die Subventionen für die von ihm geleitete Einrichtung und leitete eine interne Untersuchung ein. Sie sprach aber Frostenson mehrheitlich das Vertrauen aus - woraufhin zunächst drei prominente Mitglieder und schließlich unter wachsendem Druck weitere ihren Rückzug erklärten.´ Arnault bestreitet die Vorwürfe gegen ihn. Die Staatsanwaltschaft in Stockholm hatte im März erklärt, sie habe die Ermittlungen gegen ihn zu Vorwürfen für die Jahre 2013 bis 2015 mangels Beweisen eingestellt. Zu den anderen Vorwürfen laufen die Ermittlungen noch.

Für die österreichische Literaturkritikerin Sigrid Löffler reichen die Probleme der Jury viel tiefer. "Es geht darum, dass die Verschwiegenheit des Komitees seit Jahren durchbrochen wurde." Es habe alle möglichen Missbräuche und Korruptionen gegeben, "was auch daran liegt, dass sie überprivilegiert und nicht kontrolliert sind". Für sie ist es "das Wichtigste, dass der Literaturnobelpreis jetzt seine Glaubwürdigkeit wiedergewinnt - durch neue Mitglieder, durch neue Statuten, durch eine neue Vorgangsweise". Die jüngste Affäre sei "in erster Linie schlimm für Schweden, weil ja der Literaturnobelpreis einer der Leuchttürme der schwedischen Kultur ist", erklärte sie am Freitag im Interview mit dem Ö1-Mittagsjournal.

Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz weint dem Literaturnobelpreis keine Träne nach. "Nein, wir brauchen ihn nicht", kommentierte sie am Freitagabend in der "ZiB2" die Entscheidung der Schwedischen Akademie, die Vergabe des Preises nach Missbrauchsvorwürfen und Rücktritten von Jury-Mitgliedern für ein Jahr auszusetzen. "Nur die Marketingabteilungen" bräuchten den Preis.

"Ich glaube, dass eine solche verkrustete Institution aufgelöst und neu aufgebaut oder überhaupt nicht aufgebaut werden soll", sagte sie mit Blick auf die Schwedische Akademie. Wenn überhaupt, sollte es den Literaturnobelpreis "in einer demokratischen Art und Weise geben, irgendwie transparenter". Bisher sei er eine "Grundanleitung für globalisiertes Denken" gewesen, zog Streeruwitz die Vorstellung in Zweifel, dass man die Weltliteratur bewerten könne. Außerdem würde die Auszeichnung auch die Schriftsteller verändern.

Die Schriftstellerin zeigte sich erfreut, dass die #metoo-Debatte in diesem Fall "Folgen" gehabt habe. Für Schweden selbst sei die Entwicklung aber "bedrückend", weil das Land eine so ausgeprägte literarische Kultur habe. In dem skandinavischen Land würden nämlich "so viele Romane verkauft wie im ganzen deutschen Sprachraum", sagte sie.

Die Akademiemitglieder sind auf Lebenszeit ernannt und können nicht zurücktreten; sie können aber ihre Ämter ruhen lassen. Nach der Geschäftsordnung sind mindestens zwölf Mitglieder zur Abstimmung über eine Neuaufnahme notwendig. Derzeit gibt es aber nur noch zehn aktive Akademiemitglieder. Ein Akademiemitglied lässt bereits seit 1989 sein Amt ruhen aus Protest gegen die Haltung der Akademie zur Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie wegen dessen Roman "Die Satanischen Verse". Ein weiteres Mitglied zog sich 2009 zurück.

Angesichts der in ihrer Handlungsfähigkeit gelähmten Akademie wurde in Medien bereits über das Ende des Preises spekuliert. Schwedens König Carl XVI. Gustaf, der Schirmherr der Akademie ist, änderte mittlerweile die Statuten, um so Rücktritte von Mitgliedern und deren Ersetzung zu ermöglichen.

Der Literaturnobelpreis wird seit 1901 vergeben. Die Statuten der Akademie sehen vor, dass ein Preis bis zum kommenden Jahr aufbewahrt werden kann. Aufgeschoben und im Folgejahr nachgeholt wurde die Verleihung bereits fünf Mal, zuletzt 1949. Damals erklärte die Schwedische Akademie, keiner der Kandidaten werde den Anforderungen im Testament von Stifter Alfred Nobel gerecht. Im folgenden Jahr erhielt der US-Autor William Faulkner den Preis - zusammen mit dem Preisträger von 1950, Bertrand Russell.

Komplett ausgefallen ist die Vergabe des Literaturnobelpreises auch schon mehrere Male, vornehmlich während der beiden Weltkriege, zuletzt 1943. Im vergangenen Jahr wurde der Brite Kazuo Ishiguro mit dem mit neun Millionen Kronen (850.000 Euro) dotierten Preis ausgezeichnet.

(APA/ag.)

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