Quelle: ZAMG

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"jedermann (stirbt)" am Burgtheater

24.02.2018 - 12:11
Uraufführung am Burgtheater© APAUraufführung am Burgtheater

Dirndl gibt es diesmal nicht im Publikum, sondern auf der Bühne. Esther Geremus hat für die Neufassung des "Jedermann"-Stoffes durch Ferdinand Schmalz moderne Trachten-Anklänge in ihre Kostüme eingearbeitet. Sie prunken, ebenso wie Olaf Altmanns Bühnenbild, in allen Facetten von Gold und Gelb. Die gestrige Uraufführung von "jedermann (stirbt)" am Burgtheater hinterließ einen glänzenden Eindruck.

Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann hat gewagt, woran noch alle Salzburger Festspiel-Intendanten scheiterten: Sie hat einen zeitgenössischen Dramatiker damit beauftragt, Hugo von Hofmannsthals auf mittelalterliche Mysterienspiele zurückgehendes "Spiel vom Sterben des reichen Mannes" auf seine Haltbarkeit abzuklopfen. Und siehe da: Der Steirer Schmalz, der sich mit originellen Sujets und eigenwilliger Sprache als Dramatiker einen Namen gemacht und im vergangenen Sommer mit seiner ersten großen Prosaarbeit den Bachmannpreis gewonnen hat, meistert die Herausforderung.

Schmalz findet einen Weg, das Original immer wieder durchscheinen zu lassen und doch eigene Akzente zu setzen. Er verschiebt den Fokus von Glaubensfragen hin zur Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit allen Tuns. Provokant und verführerisch ist nicht mehr die sexuell freizügige Freundin (bei Schmalz ist Jedermann ganz bieder verheiratet), sondern der nahende Tod, der für Anspannung und Nervenkitzel sorgt und nunmehr als Doppelfigur mit der Buhlschaft fungiert. Nicht der personifizierte Teufel, sondern eine "(teuflisch) gute Gesellschaft" ist die finstere Macht, gegen die Gott müde und kraftlos wirkt. Schmalz legt ihn, wie auch schon so mancher "Jedermann"-Regisseur, mit der Figur des armen Nachbars zusammen.

In seiner zwischen Verstiegenheit und Direktheit oft auf schmalem Grat balancierenden Sprache, die beiläufig auch so manche Pointe mitnimmt, gönnt Schmalz seinen Figuren auch so manchen Monolog, in dem die verschobenen Werte der heutigen Raff- und Gier-Gesellschaft verdeutlicht werden: Nicht Sinnstiftung regiert, sondern Anhäufung von Materie, die ängstlich gegen alle anderen verteidigt werden muss. Haben statt Sein. Tatsächlich erhält das als Kronzeuge in den Zeugenstand gerufene Geld den ersten Zwischenapplaus des knapp zweistündigen Uraufführungs-Abends und erntet die Entlarvung von "Charity" als raffinierter Mechanismus zu Steuer-Vermeidung und Credibility-Vermehrung die meiste Zustimmung.

An der Inszenierung des Schweizers Stefan Bachmann, der damit nach fast sechs Jahren sein Burg-Comeback gibt, überrascht die Radikalität des Zugriffs. Er orientiert sich nicht an den von Schmalz eingebauten vordergründigen Aktualitäten, sondern versteht das Stück ganz in der Tradition der Vorbilder als allegorisches, fast abstraktes Spiel zur Verhandlung großer, ewiger Themen. Also branden keine Flüchtlingswellen an dieser abgeschotteten und abgesicherten Insel des mit dem Mammon vermeintlich Seligen an, werden drohende Börsencrashs, platzende Blasen und unvermeidliche Umweltkatastrophen nur kurz angesprochen, aber nicht gezeigt. Die das ganze Bühnenportal abschließende goldene Metallwand von Olaf Altmann schirmt perfekt ab. Ob der Lustgarten, in dem Jedermann sein Gartenfest feiert, davor oder dahinter ist, ob wir mit dabei oder draußen vor sind, ist Interpretationssache.

Die Wand ist von einer runden Öffnung durchbrochen. Das schwarze Loch dient zur Not dem gesamten achtköpfigen Ensemble als Ausguck und Spielfläche, es entpuppt sich - einem großen Abflussrohr gleich - als Röhre, kann rotierend aber auch als Rhönrad oder Hamsterrad dienen, in dem Jedermann bald außer Atem gerät, sobald der Tod in seine Nähe kommt. Es ist die Durchtrittsmöglichkeit ins Ungewisse.

Bachmann beginnt den Abend mit einer Horde wuselnder Gnome, die in ihren fleischfarbenen Kapuzentrikots an die Spermien aus Woody Allens Aufklärungs-Komödie "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten" erinnern. Sie sind frech und aggressiv und deuten gerne Teufelshörnchen an. Es ist die "(teuflisch) gute gesellschaft", die einen der ihren widerstrebend ins Rennen schickt, wenn es gilt, Gott zu widerlegen. "im angesicht des todes beginnt ein umdenken im menschen drin", behauptet Gott, von Oliver Stokowski als gütiger Leidender mit langem Bart dargestellt. "nur nicht zum besseren. da geh ich jede wette ein", hält die Horde dagegen. Top. Die Wette gilt.

Jedermann ist also kein Büßer, sondern ein Opfer. Einer, der die Sünden der Welt auf sich nehmen soll, damit die Geschäftemacherei munter weitergehen kann. Markus Hering, auch er ein Rückkehrer ans Burgtheater, ist kein Prasser, kein Lebemann, er ist ein nüchterner, von der Logik des Kapitalismus getriebener Geschäftsmann, mehr Pragmatiker als Charismatiker, mehr Spießer als Genießer. Kurzfristig empfindet er den Flirt mit dem Tod, dem Barbara Petritsch eine beeindruckende Mischung aus Laszivität und Bodenständigkeit verleiht, als reizvolles Spiel. Am Ende steht er nach einem veritablen Totentanz nackt und bloß als sterbliche menschliche Hülle vor dem Glanz, der ihm nun nichts mehr nützt. Doch Bachmann bricht den Schluss gleich mehrfach - und lässt Jedermann schimpfend abgehen: Er hat es satt das Opferlamm zu spielen, während beim Begräbnis schon die nächsten Schweinereien ausgeheckt werden.

Der große Premierenjubel am Ende galt nicht nur Autor, Regieteam, Komponist und Live-Musiker Sven Kaiser sowie dem Hauptdarsteller, sondern dem ganzen Ensemble gleichermaßen, zu dem auch Katharina Lorenz als Jedermanns Frau, Elisabeth Augustin als Jedermanns Mutter, Markus Meyer und Sebastian Wendelin als dicker und dünner Vetter und Mavie Hörbiger als Mammon und Gute Werke zählen. Hörbiger ist in der Besetzung das Verbindungsglied zum Domplatz. In Michael Sturmingers Inszenierung ist sie dort als Werke ein erbarmungswürdiges, von Krämpfen geplagtes, schwer unterernährtes Wesen. Im Burgtheater hält sie als Mammon und "Charity" nun höhnisch der Gesellschaft den Spiegel vor. Zwei völlig unterschiedliche Figuren, beide Male fulminant gespielt.

Das Wagnis ist gelungen. "jedermann (stirbt)": Hoch soll er leben!

(APA)

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