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Interviews

Rapper Nazar kommt bei Gedanken an Kurz Galle hoch

28.01.2018 - 11:57
Der Rapper teilt gegen rechte Politiker und linke Sozialromantiker aus© APA (Archiv)Der Rapper teilt gegen rechte Politiker und linke Sozialromantiker aus

Ardalan Afshar, geboren 1984 in Teheran und seit 2008 als Nazar eine Größe der österreichischen Rap-Szene, hat seine Autobiografie geschrieben. "Mich kriegt ihr nicht" heißt das Buch, das nicht nur mit dem Musikbusiness, sondern auch mit der Politik abrechnet: "Ich muss zum Beispiel nur an unseren neuen, schicken Bundeskanzler Sebastian Kurz denken, und mir kommt sofort die Galle hoch."

"Wie können die Leute nicht merken, dass es ein reines Geschäftsmodell ist, auf dem Reißbrett entworfen, das der Typ ihnen als seine Überzeugungen präsentiert?", fragt Nazar in dem Buch. "Seine einzige Überzeugung ist die, dass er bereit ist, jedem in den Arsch zu kriechen, der dafür sorgt, dass er beruflich erfolgreich ist. Seht ihr das denn nicht?"

Dass Nazar FPÖ-Obmann H.C. Strache 2015 bei einem Konzert in der Wiener Arena einen "Hurensohn" genannt hat, trug ihm 2.450 Euro Strafe wegen Beleidigung ein. Was der Musiker vom neuen Kanzler und ÖVP-Chef hält, wurde bisher nicht aktenkundig. "Ich habe Herrn Kurz öfters bei Podiumsdiskussionen oder Fernsehsendungen getroffen und einmal auch zufällig im Urlaub in Kroatien, und jedes Gespräch, das ich damals mit ihm geführt habe, war eigentlich sehr konstruktiv. Zu der Zeit hätte ich auch viele seiner Aussagen unterstützt", erzählt Nazar im Interview mit der APA. "Umso erschreckender war es für mich, als er vom Außenminister zum Kanzlerkandidaten wurde. Da hat sich das Blatt komplett gewendet, und er hat vergessen, was er vorher gesagt hat - was ich sehr schade fand."

Im Gespräch klingt der Rapper, der sich in "Mich kriegt ihr nicht" als Alpha-Tier bezeichnet, das lieber die anderen fickt, als gefickt zu werden, ganz anders als in seinen Songs und in seinem für die gleiche Zielgruppe geschriebenen Buch. Der 33-Jährige, der als Vorzeige-Integrationsbeispiel gelten könnte, formuliert bedächtig und bringt seine Enttäuschung ganz ohne Wut zum Ausdruck. "Beim vorletzten Album, das starke mediale Präsenz hatte, war ich Everybodys Darling. Jeder hat sich gefreut, wenn er mich einladen durfte oder buchen konnte. Das Blatt hat sich stark gewendet, sobald das FPÖ-Bashing gegen mich eingesetzt hat, weil ich mich politisch geäußert habe. Viele meinen offenbar: Mach deine Musik, halt die Schnauze und misch dich in diese Themen nicht ein. Ich verstehe nicht, warum ich keine politische Meinung haben darf und mich nicht äußern darf, weil ich ja immerhin in diesem Land lebe, ganz normal Steuern zahle und mit dem System hier zurechtkommen muss. Wenn hier Dinge passieren, die meiner Meinung nach nicht richtig sind, muss es mein gutes Recht sein, mich auch äußern zu dürfen."

"Ich hab großes Interesse an Politik gehabt, aber je tiefer man Einblicke bekommt, merkt man schnell, dass es in Wahrheit nur noch um Machterhaltung und Geld geht und nicht darum, der Bevölkerung etwas Gutes zu tun, wie uns von allen vorgegaukelt wird", ist Nazar überzeugt. Auch bei der jüngsten Diskussion über antisemitische Burschenschafterlieder findet er es "sehr amüsant, dass jetzt so getan wird, als wäre das mega-überraschend. Wer sich nicht erst seit gestern mit der österreichischen Politik auseinandersetzt, dem wird schnell klar, dass das nichts Neues sein dürfte."

Dabei teilt Nazar in seinem Buch durchaus nach beiden Seiten aus - gegen rechte Politiker wie gegen linke Sozialromantiker. Natürlich gebe es auch Sozialschmarotzer, erklärt der Musiker im Gespräch, aber die Politik der neuen Regierung richte sich gegen die Falschen: "Ich lebe in Favoriten, da gibt es viele Arbeiter, aber auch viele Arbeitslose. Österreich hat ein perfektes Sozialsystem. Leider Gottes gibt es immer Menschen, die Lücken finden, wie man das System ausnützen kann. Aber dass man gerade versucht, Menschen, die länger arbeitslos sind und in Notstand geraten, auch noch etwas wegzunehmen und damit ihre Existenz zu gefährden, anstatt sich Gedanken zu machen, wie viel Geld für die Politik und die Parteien und die Wahlwerbung ausgegeben wird, ist für mich unerklärlich. Stattdessen sollte man eher überlegen, wie man die Wirtschaft stärken könnte, wie man die Arbeitgeber entlasten könnte, damit sie die Möglichkeit haben, mehr Menschen anzustellen. Leiharbeitsfirmen sind für mich moderne Sklaverei. Man muss das ganze System reformieren - aber nicht, indem man Menschen die Mindestsicherung streicht. Das ist absurd!"

In seinem Buch gibt Nazar, dessen Vater als Kampfpilot im Krieg zwischen dem Iran und dem Irak fiel, nach einer lebensgefährlichen Infektion als Kleinkind mit der Mutter außer Landes flüchtete und schließlich in Österreich behandelt wurde, auch viel Persönliches über sich preis. Er schreibt über seine Erfahrungen mit Polizei und Gericht ebenso wie über seine unzähligen Beinoperationen und seine andauernden Schmerzen, die ihn trotz Knieprothese verfolgen. Das klingt dann weniger martialisch. Auch der Titel "Mich kriegt ihr nicht" wirkt wie szeneimmanente Selbststilisierung. Wer ist hinter Ihnen her, Nazar? "Gott sei Dank niemand, außer oft meine Freundin, wenn die Wohnung nicht aufgeräumt ist", lacht der Musiker. "Der Titel wurde gewählt, weil man beim Lesen rasch rauskriegt, dass ich im Leben sehr oft das Glück hatte, dass ich in der letzten Sekunde den Bogen noch geschafft habe, bevor Schlimmeres passiert wäre."

(S E R V I C E - Nazar: "Mich kriegt ihr nicht", edition a, 240 S., 21,90 Euro)

(APA)

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