Quelle: ZAMG

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55. Viennale: Viel Lob für "Cry Baby, Cry" bei Uraufführung

22.10.2017 - 19:04
"Cry Baby, Cry" erhielt viel Lob© APA"Cry Baby, Cry" erhielt viel Lob

"Netto 16 Minuten" Baby-Geschrei hatte der österreichische Regisseur Antonin Svoboda vor der heutigen Uraufführung seines erst vor zwei Wochen fertiggestellten Dokumentarfilms "Cry Baby, Cry" im Wiener Stadtkino im Künstlerhaus angekündigt. Ganz so schlimm kam es dann doch nicht. Denn der 86-minütige Film konzentriert sich ganz auf die Therapie fragiler Eltern-Kind-Beziehungen.

Was als "Schreibaby" auch den ruhigsten und gelassensten Eltern mit der Zeit den Nerv ziehen kann - davon bekommt man nur in der Anfangsphase des Films eine Ahnung, wenn der kleine Konrad sich nicht und nicht beruhigen will. Viele Eltern versuchten in so einer Situation, das Kind zu füttern und einfach ruhig zu stellen, erzählte Svoboda im Publikumsgespräch. "Es war ein Anliegen des Films zu zeigen, dass hier aber sehr viel miteinander zusammenhängt." Und daher sieht der Film vor allem in aller Ruhe zu. Den Babys, wie sie ununterbrochen auf ihre ganz eigene Art zu kommunizieren versuchen, den Eltern, wie sie durch die akute Stressbelastung immer tiefer in ihren eigenen Problemen versinken, und dem Therapeuten, wie er behutsam alle Beteiligten zu einer gemeinsam verständlichen Sprache führt, die ein Verstehen, Verarbeiten und Verbessern der Situation ermöglicht.

Star des Films ist der Bremer Therapeut Thomas Harms. Er bietet in seinem "Zentrum für Primäre Prävention" eine "Emotionelle Erste Hilfe für Eltern" an. Von der Krisenintervention, die oft unmittelbar nach einer für alle Beteiligten als traumatisch wahrgenommenen Geburtserfahrung (in der etwa Konrads Leben tatsächlich zeitweise in Gefahr war) einsetzt, zeigt Svobodas Film, der seinen Kinostart im Frühjahr haben soll, wenig. Umso mehr sieht er seinen geduldigen, sanften Versuchen zu, helfend und lenkend beizustehen. Man habe so gut es ging auf technisches Equipment verzichtet und sich in den Therapieräumen so klein wie möglich gemacht, erzählte Svoboda. Die Probleme der Eltern hätten jedoch ihre ganze Aufmerksamkeit verlangt, sodass sie die Anwesenheit des Filmteams meist rasch vergessen hätten.

Der Film vermittelt einige überraschende Erkenntnisse: Das Thema ist viel komplexer als gedacht, nicht selten sind Eltern nicht nur Leidtragende, sondern in einem diffizilen Beziehungsgeflecht auch Mitverursacher oder zumindest Mitbeteiligte des Problems. In aller Klarheit formulierte Harms dies im Publikumsgespräch: "Babys sind in der Lage, das Beste und das Schlechteste aus den Eltern herauszubekommen. Deswegen sind sie eigentlich die besten Therapeuten, die wir haben." Und: "Alle Erfahrungen, die wie gesehen haben, bleiben lebenslang im Körper gespeichert. Der Spruch 'Die Zeit heilt alle Wunden' ist falsch: Per se passiert das zunächst einmal gar nicht." Aktive Aufarbeitung und Bewältigung sei gefragt.

Ganz ähnlich formulieren es auch die übrigen Therapeuten, KInder- und Entwicklungspsychologen, die in dem szenenweise mitunter erstaunlich witzigen Film zu Wort kommen. Die in der Therapie gemachten Erfahrungen seien für Eltern wie Kinder meist sehr hilfreich, schilderte Harms. "Cry Baby, Cry" erhielt nach seiner Viennale-Premiere von anwesenden Therapeuten wie Eltern unisono viel Lob - manche wünschten sich gar mehr davon. Bloß nicht, antwortete Svoboda schmunzelnd: "Ich möchte schon noch etwas anderes machen in meinem Leben." Das Thema wird ihn und seine Frau Joana Scrinzi, die den Film geschnitten hat, ohnedies nicht so schnell loslassen: "In den drei Jahren, die wir an dem Film gearbeitet haben, haben wir zwei Kinder bekommen."

(APA)

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