Quelle: ZAMG

Interviews

Stones in Spielberg - Wie ein Club-Konzert mit 95.000 Fans

17.09.2017 - 10:34
Es wurde messerscharf gerockt© APAEs wurde messerscharf gerockt

Zu alt? Leben von Vergangenheit? Nur noch Show? Blödsinn: Die Rolling Stones haben am Samstag in Spielberg bewiesen, dass nicht nur ihre Songs, sondern auch sie selbst immer noch relevant sind. Mick Jagger und Co. spielten vor 95.000 Fans ein Hit-Feuerwerk und verzichteten auf allzu üppige Arrangements. Der kompakte, von Gitarren dominierte Sound beschwor fast Club-Atmosphäre herauf.

Natürlich gehören zu den Stones Superlative, das muss schon sein, schließlich sind sie ja die größte Rockband auf Erden und Ewigkeit. Daher erinnern die Videowalls auf der "No Filter" Tour an Hochhäuser. Und der Auftritt in der Steiermark darf der bestbesuchte im Rahmen der aktuellen Konzertreise durch Europa genannt werden. Letztendlich war aber trotz des Aufwands (wobei die Bühne selbst vergleichsweise nüchtern gehalten wurde) und Denkmalpflege - man schaut halt gerne Keith Richards zu, einfach weil er Keith Richards ist - die Musik das Spektakel schlechthin. Im Alter von 70 (Ron Wood) bis 76 (Charlie Watts) rockten die Stones beseelt, agil und beinahe so gefährlich wie damals, als sie eine neue Generation aus dem Nach-Weltkriegs-Mief führten.

Richards Voodoo-Stick, der schon den Regen beim Tourauftakt in Hamburg gestoppt hatte, dürfte auch gestern seine Magie entfaltet haben. Das Terrain in Spielberg war matschig und eigentlich nur mit Gummistiefeln halbwegs bezwingbar, aber der Regen setzte am Nachmittag aus, es blieb trocken. So loderten Punkt 20.40 Uhr die (LED-)Flammen, als Jagger überlebensgroß auf vier Videowalls projiziert, zwischen Rauchschwaden hervortänzelnd die ersten Zeilen von "Sympathie For The Devil" mit diabolischem Charme sang. Dann ein Gitarrenlick wie aus der Hölle: Richards und Wood schnitten in den Song und prägten diesen mit einem erdigen, rauen Gitarrensound.

Der Auftakt war Programm. Auch wenn die Briten wieder zahlreiche Begleitmusiker mitgebracht hatten, wurde das Klangbild nicht von dick aufgetragenen Keyboards oder ausufernden Bläser-Sektionen aufgeblasen. In Spielberg bekam man die Rolling Stones fast pur. Das funktionierte bei ausgelassenen Party-Krachern ("It's Only Rock 'n' Roll") ebenso gut wie bei düsterem Blues-Rock ("Midnight Rambler"), Mitsing-Gassenhauern ("You Can't Always Get What You Want" mit dem besten Solo von "Herrn Holz", wie Jagger Ron Wood nannte) und bei aggressivem Soundtrack zum Widerstand ("Street Fighting Man"). Das Beste hob man sich für den Schluss auf: Zuerst eine brodelnde Version von "Gimme Shelter" (mit Soulröhre Sasha Allan als zweite Stimme), dann ein vor Kraft strotzendes, ruppiges "Jumpin' Jack Flash".

Das emotionale Barometer der Stones, Mick Jagger, lief auf Hochdruck - tanzend und singend als wären die letzten 50 Jahre spurlos an ihm vorübergegangen. "Die Kunst des Älterwerdens ist es, nicht erwachsen zu werden", hat Jagger einmal gesagt. Die jugendliche Freude am Krawallmachen, wenn auch bei fürstlicher Entlohnung, ist den Stones geblieben. Wahrscheinlich grinste Charlie Watts hinter seinem kleinen, aber effektiv bearbeiteten Drumkit darum bis über beide Ohren. Laut einer Ticketverkaufs-Erhebung belief sich übrigens der Altersschnitt des Publikums auf knapp unter 40, auch viele junge Menschen waren gekommen.

Die Stärke der Stones seit jeher liegt in der Fähigkeit, sich diverse Stile zu eigen zu machen. In Spielberg reichte die Palette von purem Blues (u.a. das Jimmy-Reed-Cover "Ride 'Em Down") bis zu Disco ("Miss You" mit viel Verve), vom geisterhaft-psychedelischen "Paint It Black" bis zum Country-Kalauer "Honky Tonk Women". Wer immer noch der Meinung war, die von Richards gesungenen Lieder dienen dazu, schnell Bier nachzuholen, wurde eines Besseren belehrt: "Happy" und "Slipping Away" berührten zutiefst. "Bis bald" stand am Ende, als das Feuerwerk abgeschossen war, auf den Videowalls. Zu den Stones in dieser Form würden die 95.000 wohl gerne noch einmal durch den Gatsch waten. "It's a gas gas gas!"

Aus der Sicht der Einsatzkräfte wurde der Konzertabend "bestens gemeistert". Es kam laut Polizei weder zu größeren Unfällen noch zu gröberen Zwischenfällen. Eingeschritten wurde wegen Raufereien unter Alkoholeinfluss und einiger Drogendelikte. Rund 210 medizinische Versorgungen wurden vorgenommen.

(APA)

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