Quelle: ZAMG

Interviews

Philippe Jordan wird Musikdirektor der Wiener Staatsoper

31.07.2017 - 14:18
Jordan leitet den gesamten musikalischen Bereich des Hauses© APA (Hochmuth)Jordan leitet den gesamten musikalischen Bereich des Hauses

Der designierte Direktor der Wiener Staatsoper, Bogdan Roscic, hat seine erste wichtige Personalentscheidung getroffen: Der Schweizer Philippe Jordan, derzeit musikalischer Leiter der Pariser Oper sowie Chefdirigent der Wiener Symphoniker, wird sein Musikdirektor. Als Direktionsmitglied werde er den gesamten musikalischen Bereich des Hauses leiten und strukturell mitgestalten, hieß es am Montag.

In der Planung für die ersten beiden Spielzeiten 2020/21 und 2021/22 seien die Premierendirigate des designierten Musikdirektors bereits festgelegt worden, ebenso stark werde der Fokus aber auf dem Repertoirealltag liegen, hieß es in einer Aussendung. "Philippe Jordan zählt heute zu den wenigen bedeutenden Dirigenten, die sich vom Beginn ihres künstlerischen Weges an der Oper zugewandt und noch bewusst den klassischen Weg des Kapellmeisters beschritten haben", so Bogdan Roscic. "Damit steht er in der Tradition der bedeutendsten Musiker, die dieses Haus geprägt haben. Das Wissen und die Erfahrung aus diesem Werdegang werden dem Haus entscheidend zugutekommen."

Roscic, dessen Dissertation die Universität Wien nach Plagiatsvorwürfen derzeit einer Prüfung unterzieht, soll am 1. September 2020 von Dominique Meyer die Direktion der Staatsoper übernehmen. Meyer hatte 2010 mit Franz Welser-Möst als Generalmusikdirektor die Leitung des Hauses am Ring übernommen, der Dirigent hatte sein Amt allerdings nach "seit längerer Zeit bestehenden Auffassungsunterschieden in künstlerischen Belangen" 2014 zurückgelegt. Der Posten war seither nicht nachbesetzt worden.

"Für jeden dem Musiktheater verbundenen Musiker ist das Haus am Ring mit seiner unvergleichlichen Tradition und vor allem seinem einzigartigen Orchester eine der spannendsten Aufgaben und auch Herausforderungen, die ihm die Opernwelt bieten kann", begründete Jordan seine Entscheidung. "Es war vor allem das engagierte Programm sowie die Persönlichkeit von Bogdan Roscic, die mich nach intensiven Gesprächen und Überlegungen schließlich bewogen haben, vor allem die enormen Möglichkeiten zu sehen und die Aufgabe mit großer Freude zu übernehmen."

Er werde ab dem heutigen Tag in engster Zusammenarbeit mit der designierten Direktion die Zukunft des Hauses vorbereiten, so der 42-jährige Schweizer. "Unser Hauptanliegen muss das Bemühen um größtmögliche Qualität sein, um den Ansprüchen dieses einzigartigen Hauses gerecht zu werden." Er werde dafür "die entsprechende Präsenz einbringen" und "auch alles daran setzen, die allerbesten meiner Kolleginnen und Kollegen dazu zu bewegen, mit uns an der Wiener Staatsoper zu arbeiten. Dass die weltbesten Sängerinnen und Sänger nicht nur regelmäßig, sondern vordringlich in Wien auftreten sollen, ist für mich ebenso selbstverständlich wie ein Ensemble zu formen und zu pflegen, das entscheidend das Bild der Wiener Staatsoper prägt." An der Staatsoper hatte Jordan 1999 mit Lehars "Lustiger Witwe" debütiert und stand dort 2008 für Strauss' "Capriccio" das bis dato letzte Mal am Pult.

Der Sohn des 2006 verstorbenen langjährigen Generalmusikdirektors des Orchestre de la Suisse Romande, Armin Jordan, startete mit sechs Jahren in die Musikausbildung am Klavier, wurde zwei Jahre später Zürcher Sängerknabe und wandte sich zur gleichen Zeit auch noch der Violine zu. Bereits mit 16 Jahren, ab 1990, studierte er am Zürcher Konservatorium, schloss sein Klavierexamen mit Auszeichnung ab. Als Dirigent wurde der Durchstarter 1994 ans Stadttheater Ulm engagiert, wo er 1996 zum jüngsten Kapellmeister Deutschlands aufstieg. Auf den Radarschirm der internationalen Kritiker kam Jordan spätestens mit seinem folgenden Engagement nach Berlin, wo er von 1998 bis 2001 Assistent von Daniel Barenboim an der Staatsoper Unter den Linden war. 2001 wurde Jordan zum Chefdirigenten des Grazer Opernhauses und des Grazer Philharmonischen Orchesters berufen - eine Position, die er nach Unstimmigkeiten 2004 wieder aufgab.

Das bremste die Karriere des Jungstars jedoch nicht, der an nahezu allen großen Opernhäusern der Welt debütierte und 2006 Erster Gastdirigent an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin wurde. Zugleich arbeitete er auch als Konzertdirigent von Orchestern wie den Berliner und Wiener Philharmonikern oder dem RSO Wien. Die Wiener Symphoniker präsentierten den jungen Maestro 2011 als neuen Chefdirigenten ab der Saison 2014/15. Mittlerweile wurde der Vertrag bis 2021 verlängert - für die Überlagerung mit seiner ersten Staatsopern-Saison werde man im Herbst eine Lösung präsentieren, hieß es heute seitens der Symphoniker.

International hat sich der Schweizer auch als Musikdirektor der Pariser Oper einen Namen gemacht - eine Position, die Jordan 2009 im Alter von nur 34 Jahren angetreten hatte. An der Seine zeichnete er unter anderem für einen "Ring"-Zyklus verantwortlich, machte sich naturgemäß aber nicht zuletzt im französischen Fach einen Namen. Seine Wagner-Kompetenz konnte der Dirigent indes nicht zuletzt auch in Bayreuth unter Beweis stellen, wo er heuer bei der Premiere von Barry Koskys "Meistersinger"-Interpretation eine bejubelte Deutung ablieferte.

An seiner künftigen Arbeitsstätte wird Jordan jedenfalls freundlich empfangen: "Die Wiener Philharmoniker gratulieren Philippe Jordan zur Position des Musikdirektors an der Wiener Staatsoper", teilte der noch amtierende Philharmoniker-Vorstand Andreas Großbauer der APA mit: "Wir sehen einer künftigen Zusammenarbeit mit Spannung und Offenheit entgegen." Der Intendant der Wiener Symphoniker, Johannes Neubert, gratulierte Jordan "aufrichtig und sehr herzlich. Wir wünschen ihm allen erdenklichen Erfolg für diese spannende Aufgabe. Wir verstehen diese Entscheidung auch ein Stück weit als Anerkennung für die zahlreichen künstlerischen Erfolge, die Philippe Jordan in den letzten Jahren gemeinsam mit den Wiener Symphonikern erzielen konnte."

Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ) beschied via Twitter: "Gratulation an Philippe Jordan zur Bestellung" und Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) versichert, Jordan sei "ein Garant für musikalisches Schaffen auf Topniveau". "Wir freuen uns jetzt erst einmal auf die noch kommenden Jahre Philippe Jordans bei den Wiener Symphonikern und wünschen ihm für seine darauffolgende neue Aufgabe denselben Erfolg, mit dem er die Symphoniker zu Höchstleistungen geleitete." Und auch FPÖ-Kultursprecher Walter Rosenkranz konstatierte zu Jordan, dieser sei "sicherlich eine gute Besetzung".

(APA)

Home
Politik
Chronik
Wirtschaft
Sport
Kultur
Society
Life
Reise
Motor
Hightech