Quelle: ZAMG

Interviews

"Rose Bernd" in Salzburg: Allein gegen die Männerwelt

30.07.2017 - 16:17
Trägt den Abend: Hauptdarstellerin Lina Beckmann (mit Gregor Bloeb)© APATrägt den Abend: Hauptdarstellerin Lina Beckmann (mit Gregor Bloeb)

"Ich bin stark. Ich bin stark", sagt Rose Bernd. "Ich bin stark gewese. Itze bin ich am Ende." Ein starker Schluss. Zwar nicht von Gerhart Hauptmanns Stück, aber von Karin Henkels Inszenierung, die am Samstagabend auf der Halleiner Perner-Insel Premiere feierte. Fast drei Stunden Schlesisch wurden dabei mehr zur Belastungsprobe als das Schicksal der starken jungen Frau, die kleingekriegt wird.

Henkel greift in das 1903 geschriebene Schauspiel "Rose Bernd" ein, schreibt um, fügt gleich zwei Chöre hinzu - aber sie tastet den seltsamen, fremd klingenden Dialekt nicht an. Manche aus dem Ensemble wie der Hamburger Michael Prelle als strenger, frommer Vater Bernd bekommen ihn gut in den Griff und sprechen ihn ziemlich natürlich, andere wie der Tiroler Gregor Bloeb als Maschinist Streckmann behandeln ihn als Fremdsprache und geben ihren Wortmeldungen quasi Anführungszeichen. Das passt nicht wirklich zusammen und verhindert einen organischen Sprachfluss. Doch das trifft sich mit Henkels Grundansatz, dem Paradestück des Naturalismus den Naturalismus auszutreiben.

Volker Hintermeier hat für diese in Koproduktion mit dem Hamburger Schauspielhaus entstandene Salzburger Festspiel-Produktion Hauptmanns detaillierte, geradezu filmische Szenenbildanweisungen in einen finsteren Bühnenraum gegossen, der an das breite Innere eines Schiffsrumpfes erinnert und in seiner vielschichtigen Symbolhaftigkeit überdeterminiert wirkt: ein kreuzförmiger hölzerner Steg, der vorne an der Rampe an einem kleinen Metallkruzifix endet; bunte, gläserne Votivfenster; von der Decke hängende, selten benutzte Mikrofone und eine Vielzahl von Ventilatoren, die sich in immer neuen Varianten gruppenweise drehen; Taubenkäfige, ein Wasserhahn samt Wasserbecken und einige brennende Grabkerzen. Es ist eine Welt, in der sich kaum frei atmen lässt.

Umso drastischer der Beginn, der einen Ausbruch aus dem starren Lebenskorsett markiert, den Rose Bernd noch bitter bereuen wird: Das Gesicht weiß geschminkt, das Haupt mit Bändern geschmückt, lässt sie sich von ihrem Liebhaber Flamm (Markus John) von hinten nehmen, während der Rest des Dorfes das Pfingstfest in der Kirche feiert. "Im Wald und auf der Heide / da such' ich meine Freude", jubiliert Flamm, auf den zu Hause eine schwer kranke Frau (eindringlich, doch vergeblich um Frauensolidarität bemüht: Julia Wieninger) wartet, beim Geschlechtsakt, von dem er noch nicht weiß, dass es der letzte sein wird: Rose hat sich entschlossen, ihrem Bräutigam, dem an Veitstanz leidenden, doch wohlhabenden Buchbinder August (Maik Solbach) endlich das Ja-Wort zu geben. Doch der Weiberheld Streckmann hat Roses Stelldichein beobachtet. Und wird nicht eher ruhen, als bis er bei ihr auch einmal zum Zug kommt.

Lina Beckmann, eine vielfach ausgezeichnete Schauspielerin mit Hauptmann-Erfahrung, prägt und trägt als Titelfigur den Abend. Gewohnt, schwer zu arbeiten, will Rose auch ein bisschen Vergnügen haben in dieser von Kirche und Maloche geprägten Welt. Sie weiß, dass sie, sobald sie mit dem schmächtigen, geplagten Buchbinder in den Ehestand eintritt, nichts mehr zu lachen haben wird. Umso schwerer fällt es ihr, die kurze Zeit ihrer kleinen Freiheit aufzugeben. Doch für Weibsbilder gibt es keine Selbstbestimmung. Und ihr "Nee" wird von den Männern stets geflissentlich überhört.

Dass Schauspielchefin Bettina Hering Rose Bernd als Spiegelfigur zu dem im Opernprogramm vertretenen Woyzeck sieht, beglaubigt Beckmann durch ihre starke Leistung: Eigene Entscheidungsgewalt wird ihr abgesprochen. Vergewaltigt, verleumdet und von ihrem Liebhaber schwanger, wird sie in die Enge getrieben. In der Ausweglosigkeit ermordet sie ihr Neugeborenes. Kein erfundener Fall: Gerhart Hauptmann wurde durch seine Erfahrungen als Geschworener in einem Kindsmordprozess zu seinem Stück angeregt.

Gregor Bloeb ist Roses Gegenfigur. Sein Streckmann verkörpert die rohe Gewalt. Seine Ankündigung, "Was ich will bei am Weibe, das setz' ich o durch", wird er brutal in die Tat umsetzen. Mit dem Habitus eines Bullterriers rückt Bloeb die blanke körperliche Präsenz in den Vordergrund. Rose wird von seiner Vergewaltigung auch eine Bisswunde am Bein davontragen, August, der ihn zur Rede stellt, im Gerangel ein Auge verlieren.

Henkel versucht erst gar nicht, das Ganze an die Gegenwart heranzuführen. Die archaische Zuspitzung der Tragödie betont sie mit zwei Chören: Roses kleine Schwester Marthel gibt es sechsfach, die Kirchleut und die Arbeiter sind ein siebzehnköpfiger Chor junger Männer, der eine Welt verdeutlicht, in der Gleichberechtigung und Gender-Awareness noch in weiter Ferne lagen.

Am Ende gab es viel Applaus sowie Standing Ovations für Lina Beckmann. Hätte Festspielredner Ferdinand von Schirach aus ihrem Fall ein Mit(be)stimm-Stück a la "Terror" gemacht, ein Freispruch wäre ihr sicher.

(APA)

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