Quelle: ZAMG

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Viennale-Direktor Hans Hurch 64-jährig gestorben

24.07.2017 - 16:29
Herzversagen während Arbeitstreffen in Rom© APAHerzversagen während Arbeitstreffen in Rom

Er war einer der längst dienenden Kulturmanager des Landes, eine Konstante in wechselhaften Zeiten. "Sie sehen es vor allem am Sakko: Es ist seit 20 Jahren das gleiche", scherzte Hans Hurch bei der Eröffnung "seiner" Viennale im Oktober. Nur drei Monate vor seiner 21. Festivalausgabe ist der Verfechter des Kinos überraschend verstorben. Die Betroffenheit vonseiten der Branche und Politik ist groß.

Mit gerade mal 64 Jahren wurde Hurch aus dem Leben und seinem Engagement für das Kino gerissen: In Rom, wo er für ein Arbeitstreffen mit dem Regisseur Abel Ferrara weilte, starb er am gestrigen Sonntag plötzlich und unerwartet an einem Herzversagen. "Es ist für uns alle ein Schock und großer Verlust und menschlich sehr schwer zu verkraften", schreibt das Viennale-Team. "Wir werden unser Möglichstes tun, um die diesjährige Viennale in seinem Sinne zu gestalten."

Erst 2015 war Hurch ein weiteres Mal als Direktor bestätigt worden. "Ich bin nicht die Viennale. Ich mache die Viennale nicht alleine, auch wenn ich sie sehr geprägt habe", hatte er damals betont. Nach der Ausgabe 2018 wollte er sich zurückziehen, diesen Sommer sollte die Suche nach einer Nachfolge beginnen. Unter ihm wurde die Viennale "zu einem der wichtigsten Filmfestivals Europas", unterstrichen Wiens Bürgermeister Michael Häupl und Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) am Montag. Mit Hurch verliere Österreich "einen wachen Intellektuellen, einen unbequemen Denker und einen Filmliebhaber, der seinen Enthusiasmus auf eine ganze Stadt übertragen konnte". Als "einen der innovativsten und prägendsten Festivalprogrammmacher, dessen ungebrochenes Anliegen die Zukunft des Kinos war", ehrte ihn ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz.

Seine Liebe für das bewegte Bild entdeckte Hans Hurch dank Kurzfilmen von Charlie Chaplin und Buster Keaton. Geboren am 18. Dezember 1952 in Schärding (OÖ), besuchte er bereits als Kind das örtliche Rex- und das Froschauer-Kino, ehe beide in den 60er-Jahren dem Sterben von Lichtspielhäusern am Land zum Opfer fielen. Also wich er nach Passau aus, lernte im Filmklub bei der wöchentlichen Reihe "Der besondere Film" die wichtigsten Werke der Filmgeschichte kennen.

Nach der Matura zog es Hurch in die Bundeshauptstadt, wo er ab 1971 Kunstgeschichte, Philosophie und Archäologie an der Universität Wien studierte. Ab Mitte der 70er-Jahre war er journalistisch tätig, von 1978 bis 1986 als Kulturredakteur beim Stadtmagazin "Falter", wo er neben Beiträgen zu Musik und Fotografie eine eigene Filmredaktion aufbaute. In weiterer Folge war er freier Autor für internationale Medien, organisierte Filmreihen und Retrospektiven für u.a. Stadtkino, Wiener Festwochen und donaufestival, betätigte sich aber auch als Regieassistent und Drehbuchautor.

Dem französischen Regiepaar Jean-Marie Straub und Danièle Huillet, dessen umstrittene Arbeiten er später stets loyal im Viennale-Programm zeigte, assistierte er bei den Produktionen "Der Tod des Empedokles" (1987), "Schwarze Sünde" (1989) und "Antigone" (1992). Mit seiner langjährigen Lebensgefährtin Astrid Johanna Ofner arbeitete er an den Dokumentarfilmen "Jetzt und alle Zeit" und "Ins Leere" (beide 1993).

Nach einigen Jahren in Berlin kehrte Hurch nach Wien zurück, wo er vom Bundesministerium für Wissenschaft und Kunst zum Kurator des Projekts "hundertjahrekino" bestellt wurde. Anlässlich des 100. Geburtstags des Kinos verantwortete er Ausstellungen und Filmschauen, setzte aber weniger auf einmalige Großevents denn auf breit gestreute Impulse und langfristige Strukturverbesserungen, um die Zukunft des Kinos zu fördern und zu sichern.

Sein Lebenswerk sollte die Viennale werden: 1997 übernahm Hurch die Leitung des internationalen Filmfestivals vom späteren Filmmuseums-Direktor Alexander Horwath. Beiden ging es in erster Linie um eine Beziehung mit den Festivalbesuchern, betonte Hurch einmal im Interview mit dem britischen "Sight and Sound"-Magazin: "Mein Ziel ist, dass sie uns vertrauen und wir ihnen. Wenn ich etwas riskieren will, dann programmiere ich Filme und vertraue darauf, dass sie neugierig sind und diese sehen wollen - auch, wenn sie ihnen vielleicht nicht gefallen."

Dem Mainstream bot Hurch dementsprechend ebenso Platz wie der Avantgarde, Klassikern wie Aktuellem; das Publikum stellte er vor Wettbewerbe, Filme vor Prominente. Letztere kamen dennoch oft und gerne - Säulenheilige wie Olivier Assayas, Patti Smith, Klaus Lemke oder Laurie Anderson gar regelmäßig. Von Hollywod-Diva Lauren Bacall musste er sich am Red Carpet vor dem Gartenbaukino, dessen Betreiberin die Viennale ist, schon mal anhören, er sei "underdressed".

Das flattrige Sakko, die legendär-launigen Eröffnungsreden, die Streitlust, aber auch die pointierte Kritik an heimischer Politik und Kulturpolitik - all das gehörte zu Hans Hurch. Erst vor drei Wochen eröffnete er an einem lauen Sommerabend das "Kino wie noch nie" am Augartenspitz, schwärmte abermals von der Magie des Kinos. In ersten Reaktionen würdigen Branchenkollegen Hurchs Einsatz "für ein anderes Kino" und die österreichische Filmkultur. "Danke für Enthusiasmus, Streitbarkeit, Humor und Hartnäckigkeit", schrieb etwa Diagonale-Co-Leiter Peter Schernhuber auf Twitter. "Danke, dass Du uns Dein Kino gezeigt hast."

(APA)

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