Quelle: ZAMG

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Michael Hanekes "Happy End" im Wettbewerb von Cannes

13.04.2017 - 14:53
Haneke ist quasi Stammgast in Cannes© APA (AFP)Haneke ist quasi Stammgast in Cannes

Die Filmfestspiele Cannes und Michael Haneke bleiben einander treu. Mit "Happy End" gastiert der österreichische Meisterregisseur von 17. bis 28. Mai zum achten Mal im Wettbewerb des bedeutendsten Filmfestivals der Welt. Seine "Momentaufnahme einer bürgerlichen europäischen Familie" ist eines von 18 Werken im Rennen um die Goldene Palme, gab Festivaldirektor Thierry Fremaux am Donnerstag bekannt.

Wie schon Hanekes Vorgängerfilm "Amour" dreht sich "Happy End" um das Alter und ist ganz auf den neuerlichen Hauptdarsteller Jean-Louis Trintignant zugespitzt, wie Hanekes Stammproduzent Veit Heiduschka der APA verriet. "Es ist ein Familienporträt und das Lebensende eines alten Mannes, der auf sein Familienleben zurückblickt." Neben Trintignant standen Mathieu Kassovitz, Toby Jones und Isabelle Huppert im nordfranzösischen Calais für Haneke vor der Kamera. Für letztere ist es die vierte Kollaboration mit dem Österreicher nach "Amour", "Wolfzeit" und "Die Klavierspielerin". Die Flüchtlingskrise spiele im Film - anders als zuvor kolportiert - eine untergeordnete Rolle, so Heiduschka. "Es hat sich thematisch ergeben, dass die Figur des Sohnes damit befasst ist."

20 Jahre nach Hanekes erster Einladung in die Hauptkonkurrenz mit "Funny Games" könnte der 75-Jährige nun der erste Filmemacher überhaupt werden, der drei Goldene Palmen gewinnt. Zuletzt holte er den begehrten Hauptpreis mit zwei Arbeiten hintereinander: 2009 mit der schwarz-weißen Faschismusparabel "Das weiße Band" und 2012 mit seinem zärtlichen Sterbedrama "Amour", das später auch den Auslandsoscar gewann.

Konkurrenz bekommt Haneke diesmal u.a. vom deutschen Filmemacher Fatih Akin, der zehn Jahre nach "Auf der anderen Seite" mit "Aus dem Nichts" eingeladen wurde. Wiederholt im Wettbewerb sind die US-Filmemacher Sofia Coppola ("The Beguiled") und Todd Haynes ("Wonderstruck") sowie der Grieche Yorgos Lanthimos ("The Killing Of A Sacred Deer") und der Franzose Arnaud Desplechin, der mit seinem mit Marion Cotillard und Charlotte Gainsbourg besetzten Drama "Les fantomes d'Ismael" die 70. Jubiläumsausgabe eröffnen wird.

Mit Coppola, Lynne Ramsay ("You were never really here") und Naomi Kawase ("Hikari") finden sich diesmal drei Regisseurinnen in der traditionell sehr männerdominierten Hauptkonkurrenz. Hollywood-Studioproduktionen hingegen fehlen im Aufgebot gänzlich, dafür ist der US-Streamingdienst Netflix mit gleich zwei Produktionen vertreten: dem Actionfilm "Okja" des Südkoreaners Bong Joon-ho mit Jake Gyllenhaal und Tilda Swinton sowie der Indie-Komödie "The Meyerowitz Stories" des US-Amerikaners Noah Baumbach mit Dustin Hoffmann, Ben Stiller und (als eher ungewöhnliches Gesicht in Cannes:) Adam Sandler.

Ebenfalls am roten Teppich erwartet werden Robert Pattinson, Joaquin Phoenix, Colin Farrell, Kirsten Dunst, Julianne Moore, Adele Haenel und Louis Garrel, wobei auch Sonderscreenings ein Staraufgebot versprechen. Mit Kristen Stewart und Vanessa Redgrave präsentieren zwei große Schauspielerinnen ihrer Generationen ihre Regiedebüts: Die 27-jährige Stewart zeigt ihren Kurzfilm "Come Swim", die 80-jährige Redgrave das Flüchtlingsdrama "Sea Sorrow".

Auch der Filmkunst abseits traditioneller Kinoverwertung öffnet sich das Festival zunehmend. Oscarpreisträger Alejandro G. Inarritu zeigt sein Virtual-Reality-Experiment "Carne y Arena", Kultregisseur David Lynch die ersten zwei Folgen seiner "Twin Peaks"-Fortsetzung und Altmeisterin Jane Campion die komplette zweite "Top of the Lake"-Staffel. In letzterer wirkt Nicole Kidman mit, die damit auf stolze vier Auftritte beim Festival kommt: So ist sie weiters in den Wettbewerbsfilmen "The Beguiled" und "The Killing Of A Sacred Deer" (jeweils an der Seite von Colin Farrell) sowie in John Cameron Mitchells Sci-Fi-Film "How to Talk to Girls at Parties" zu sehen, der außer Konkurrenz läuft.

In die renommierte Nebenschiene "Un Certain Regard" schaffte es mit "Western" eine deutsch-österreichische Koproduktion: Valeska Grisebach drehte den Film in der bulgarischen Provinz, wo eine Gruppe deutscher Bauarbeiter von "Abenteuergefühlen" übermannt wird. Hinter der Produktion stehen die Berliner Komplizen Film und die Wiener coop99 filmproduktion, die auch den Vorjahressieger der Herzen, "Toni Erdmann", gemeinsam verantwortet haben.

Die Goldene Palme hatte 2016 Ken Loach mit seinem Sozialdrama "I, Daniel Blake" für sich entschieden. Wer heuer das Rennen macht, entscheidet eine internationale Wettbewerbsjury unter Vorsitz des spanischen Autorenfilmers Pedro Almodovar. Durch die Eröffnungs- und Abschlusszeremonien wird die italienische Schauspielerin Monica Bellucci führen.

Festivalpräsident Pierre Lescure kündigte angesichts der nahenden französischen Präsidentschaftswahlen und des Aufsehens um US-Präsident Donald Trump jedenfalls eine "spannungsgeladene, politische Zeit" an. "Cannes kann die Politik nicht ignorieren", sagte Lescure in Paris. Er hoffe aber, dass das Filmfest zu einer "Atempause" werde, während der "nur über das Kino gesprochen" wird. Angesprochen auf die Sicherheitsvorkehrungen meinte er, man "ist und bleibt im Ausnahmezustand" und sei genauso aufgestellt wie im Vorjahr.

(APA)

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