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Trauer und Rätseln über Motiv nach Todesfahrt von Münster

08.04.2018 - 21:33
Blumen am Tatort nach Amokfahrt in Münster© APA (dpa)Blumen am Tatort nach Amokfahrt in Münster

Nach der Amokfahrt mit insgesamt drei Toten in Münster bleibt weiter unklar, warum ein Mann mit einem Kleinwagen mitten in der Stadt in eine Menschenmenge gerast ist. Einen politischen Grund für die blutige Tat am Samstagnachmittag schließt die Polizei nach der Durchsuchung der vier Wohnungen des Fahrers aber zunächst aus. Der soll durch Suizid-Gedanken aufgefallen sein.

"Die erste, doch schon etwas intensivere Durchsicht hat keinerlei Hinweise auf einen politischen Hintergrund ergeben", sagte der Polizeipräsident von Münster, Hajo Kuhlisch, am Sonntag in Münster. Die Ermittler gingen daher davon aus, "dass die Motive und Ursachen in dem Täter selber liegen".

Der Amokfahrer von Münster ist nach Angaben der Polizei bereits mit Suizid-Gedanken aufgefallen, er war zudem in Kontakt mit dem Gesundheitsamt in Münster. Der 48-Jährige habe sich Ende März mit einer E-Mail unter anderem an einen Nachbarn gewandt, teilte die deutsche Polizei am Sonntag mit.

"Aus dem Inhalt ergaben sich vage Hinweise auf suizidale Gedanken, aber keinerlei Anhaltspunkte für die Gefährdung anderer Personen", hieß es. Nach Informationen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" soll der Mann in dem Schreiben an Bekannte aufgearbeitet haben, was in seinem Leben schiefgelaufen sei und wer daran Schuld trage.

In der Wohnung des 48-Jährigen im sächsischen Pirna sei außerdem ein älteres, 18-seitiges Schreiben entdeckt worden. Darin verarbeite der spätere Amokfahrer Kindheitserlebnisse und frühe, von ihm als demütigend empfundene Erfahrungen. Dazu zählten laut WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" gravierende Probleme mit seinen Eltern, Schuldkomplexe, nervliche Zerrüttung und wiederkehrende psychische Zusammenbrüche.

Die Polizei bestätigte den Fund des Schreibens nicht. Sie teilte aber mit, dass Polizisten wegen der Mail die Wohnungen des Mannes in Sachsen und Münster aufgesucht, den Mann aber nicht angetroffen hätten. Es sei nun wichtig, "ein möglichst umfassendes Bild über das Verhalten des Täters in den Vorwochen zu erhalten". So hofften die Ermittler auf eine Spur bei der Suche nach einem Motiv für die Tat.

Weitere Täter würden nicht gesucht, teilte die Polizei am Sonntag weiter mit. Man gehe von der Tat eines Einzeltäters aus, sagte eine Polizeisprecherin. Zunächst waren die Ermittler Zeugenaussagen nachgegangen, wonach zwei Menschen aus dem Auto gesprungen und geflüchtet sein sollten.

Auch der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul bekräftigte bei einem Besuch am Tatort, mit hoher Wahrscheinlichkeit habe ein Einzelner gehandelt. Der Mann sei Deutscher, es gebe keinen islamistischen Hintergrund. Der deutsche Innenminister Horst Seehofer und Reul betonten, es werde nie absolute Sicherheit geben werde. "Das geht nicht. Wir können nur das Bestmögliche machen", so Reul.

Nach der Amokfahrt sprachen Seehofer und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet gemeinsam Opfern und Angehörigen ihr Mitgefühl aus. "Wir hoffen inständig und beten dafür, dass die Verletzten wieder gesund werden", sagte Seehofer. Er dankte ebenso wie Reul Polizei und Sicherheitskräften - und auch den Medien, die sich verantwortungsbewusst verhalten und "sachgerecht" berichtet hätten.

Laschet lobte die Besonnenheit und Solidarität der Münsteraner nach der Tat. Er wünsche sich, dass "diese besondere Münsteraner Erfahrung einer Friedensstadt" auch diejenigen erreiche, die "ganz schnell bei Twitter und anderswo wieder das Hetzen begonnen haben". Für die Opfer sei die Religion der Täter egal, sie hätten einen Menschen verloren. "Und diesen Respekt sollte man immer im Blick haben." Der NRW-Ministerpräsident war nach seinem Besuch am Tatort am Sonntag auch in das Universitätsklinikum gefahren, um verletzte Opfer zu besuchen, wie ein Regierungssprecher sagte.

Die Leitende Oberstaatsanwältin von Münster, Elke Adomeit, sagte, der mutmaßliche Täter sei der Polizei bereits wegen kleinerer Delikte bekannt gewesen. Es habe drei Verfahren in Münster gegeben und eines in Arnsberg aus den Jahren 2015 und 2016 - sie seien alle eingestellt worden. Es ging damals um eine Bedrohung, Sachbeschädigung, eine Verkehrsunfallflucht und Betrug. Man müsse den Sachverhalt der Verfahren noch aufklären. "Aber auf den ersten Blick haben wir hier keine Anhaltspunkte auf eine stärkere kriminelle Intensität, die wir bei dem Täter feststellen konnten", sagte Adomeit.

Der Mann war am Samstag um 15.27 Uhr mit einen silberfarbenen Campingbus im Zentrum von Münster in eine Menschengruppe vor einer beliebten Gaststätte gerast, danach hatte er sich im Wagen erschossen. Bei den beiden Todesopfern handelt es sich um eine 51-jährige Frau aus dem Kreis Lüneburg und einen 65-jährigen Mann aus dem Kreis Borken. In der Uniklinik gab es außerdem mehrere Notoperationen. Mindestens drei der mehr als 20 Verletzten schwebten zunächst weiter in Lebensgefahr.

Die Polizei durchsuchte insgesamt vier Wohnungen des Amokfahrers, aus denen sich keine Hinweise auf ein politisches Tatmotiv ergaben - zwei davon in Ostdeutschland, zwei in Münster. Bei der Durchsuchung fand die Polizei eine nicht brauchbare Maschinenpistole vom Typ AK47, wie es hieß. Auch unmittelbar nach der Amokfahrt hatten sich die Einsatzkräfte dem Campingbus mit großer Vorsicht genähert, da Beamte Drähte sahen, die ins nicht einsehbare Fahrzeuginnere führten.

Experten des Landeskriminalamts aus Düsseldorf untersuchten demnach auch das Fahrzeug auf mögliche Gefahren ausgiebig und gaben letztlich Entwarnung. Ermittler fanden im Wagen die Waffe, mit der sich der Täter erschossen hatte, sowie eine Schreckschusswaffe und rund ein Dutzend Feuerwerkskörper.

Nach den schrecklichen Bildern aus Münster suchen auch die Einwohner der Stadt weiter nach Erklärungen. "Die Menschen haben jetzt gemerkt, dass es auch für sie ein Restrisiko gibt. Nicht nur Berlin oder München - nein, es kann auch uns in Münster treffen, das haben die Menschen jetzt begriffen", sagt der Münsteraner Psychologe Steffen Fliegel.

"Zusätzlich macht es die Sache schwierig zu begreifen, weil die Menschen denken, das hätte man doch, im Gegensatz zu einem technischen Defekt an einem Fahrzeug, verhindern können", sagt der Psychologe. Aber das sei nicht richtig: "Wir müssen lernen damit zu leben, dass es in unserer Gesellschaft ein Restrisiko gibt", sagt Fliegel.

Rund 1.600 Menschen haben am Sonntagabend im Paulusdom einen ökumenischen Gedenkgottesdienst für die Opfer der Fahrzeugattacke besucht. Die Feier wurde geleitet von Münsters katholischem Bischof Felix Genn, dem evangelischen Superintendenten Ulf Schlien und Stadtdechant Jörg Hagemann, wie Kathpress meldet. Bereits am Samstagabend hatten sich Bürger in Münster versammelt, um gemeinsam zu trauern.

Die beiden von der Amokfahrt unmittelbar betroffenen Gaststätten am Kiepenkerl wollen sich mit der Rückkehr zum normalen Alltag Zeit lassen. "Der Betrieb ruht im Moment - und zwar so lange, bis die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sagen: Wir trauen uns das wieder zu, wir können die Arbeit hier wieder aufnehmen", sagte Martin Stracke, der Vorsitzende der Interessengemeinschaft Kiepenkerlviertel.

(APA/dpa)

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