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Drei Tote bei Lkw-Attacke in Münster - kein Terror

07.04.2018 - 23:00
Polizei-Großeinsatz in Münster© APA (dpa)Polizei-Großeinsatz in Münster

In der Altstadt von Münster ist am Samstag ein Deutscher mit seinem Kleinlaster in eine Gruppe von Gästen vor einem Traditionsgasthaus gefahren. Es gebe drei Tote - darunter auch der Täter, sagte der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul am Abend in Münster. "Es spricht nichts dafür, dass es irgendeinen islamistischen Hintergrund gibt. Es wird aber nach allen Seiten ermittelt."

Der Täter sei "nach jetzigem Stand der Ermittlungen ein Deutscher Staatsbürger gewesen und nicht - wie überall behauptet wird - ein Flüchtling oder ähnliches", sagte der christdemokratische Politiker. Einem Medienbericht zufolge handelt es sich bei dem Täter um den 48-jährigen Jens R.. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtete unter Berufung auf Sicherheitskreise, dass der Mann am 1. Mai 1969 im sauerländischen Olsberg geboren worden sei, aber schon lange in Münster gelebt habe. Er habe in einer Wohnung in der Nähe des Tatorts gewohnt. Nach der Tat hatte er sich Polizeierkenntnissen zufolge erschossen.

"Süddeutsche Zeitung", Nord- und Westdeutscher Rundfunk berichteten, der Täter sei in der Vergangenheit "psychisch auffällig" gewesen. Es liege offenbar kein terroristischer Hintergrund vor. Das ZDF berichtete, der Mann habe vor kurzer Zeit einen Suizidversuch unternommen.

Nach Angaben der Polizei wurden 20 Menschen verletzt, sechs davon schwer. Sicherheitskreisen zufolge war der mutmaßliche Täter psychisch krank. Darauf deute vieles hin, hieß es in den Kreisen. Zuvor war ein Attentat nicht ausgeschlossen worden. Eine Polizeisprecherin erklärte, es werde nicht nach weiteren Verdächtigen gesucht. Die Gefahr sei gebannt.

Die Details und ein mögliches Motiv würden noch untersucht, sagte Landes-Innenminister Reul. Es werde in alle Richtungen ermittelt. "Sobald gesicherte Informationen vorliegen, und nicht nur Gerüchte oder Hinweise, werden sie bekanntgegeben." Nach der Tat hatten umgehend Spekulationen über einen islamistischen Terroranschlag eingesetzt, von einer Bombe im Lastwagen und zwei flüchtigen Insassen war die Rede. Die Polizei rief die Bürger über Twitter laufend auf, keine Gerüchte zu verbreiten.

Die Identität der beiden getöteten Opfer am Samstagabend zunächst weiter unklar. Die Polizei konnte keine Angaben machen, wer die beiden Toten seien. Sie habe dazu keine Informationen, sagte eine Sprecherin.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte, sie sei zutiefst erschüttert. "Es wird jetzt alles Denkbare zur Aufklärung der Tat und zur Unterstützung der Opfer und ihrer Angehörigen getan. Allen Einsatzkräften vor Ort gilt mein Dank." Auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der französische Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) äußerten ihre Solidarität. Die Vizefraktionschefin der rechtspopulistischen "Alternative für Deutschland", Beatrix von Storch, die in einer ersten Reaktion mit dem Finger auf Merkels Flüchtlingspolitik gezeigt hatte, twitterte am Abend sarkastisch: "Entwarnung. Alles wird gut. (...) Weil es diesmal (wohl) ein kranker Deutscher war."

Der Kleinbus war Polizeiangaben zufolge am Nachmittag in eine Gruppe von Menschen gefahren, die vor dem auch bei Touristen sehr beliebten Restaurant "Großer Kiepenkerl" an Tischen saßen. Mehrere hundert Polizisten und alle verfügbaren Sanitäter seien im Einsatz, erklärte die Polizei.

Die Polizeipräsenz war bereits vor dem Zwischenfall hoch, da ursprünglich eine Kurden-Demonstration für den Samstag angemeldet war. Am ersten wirklich warmen Frühlingstag waren sehr viele Menschen aus der gesamten Region in der Altstadt von Münster unterwegs. Später riegelte die Polizei das Stadtzentrum ab.

"Ein trauriger, ein schrecklicher Tag für unser Land", schrieb der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet auf Twitter. Der Bischof der Stadt Münster, Felix Genn, rief zu einem gemeinsamen Gebet für die Opfer auf. Die Universitätsstadt wird in einem Monat den 101. Deutschen Katholikentag ausrichten.

Bestürzt zeigte sich auch das Ermittlerteam des Münsteraner Fernseh-"Tatorts". "Erste Bilder und Nachrichten aus Münster brechen mir das Herz", schrieb der als Rechtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne bekannte Schauspieler Jan Josef Liefers auf Twitter. "Einer der friedlichsten und freundlichsten Orte, die ich kenne - trotz dieses kranken Anschlags." Ähnlich äußerte sich Liefers' Kollege Axel Prahl, der den fiktiven Hauptkommissar Frank Thiel spielt. "Wir denken an Euch", teilte Prahl auf Facebook mit. "Münster, bleib wie Du warst und wie wir Dich lieben: offen, friedlich, freundlich, stark und stolz. Lass Dich jetzt nicht unterkriegen."

Am Sonntagabend soll es einen Gedenkgottesdienst im Paulus-Dom geben. Der Münsteraner Bischof Felix Genn leitet den ökumenischen Gottesdienst, der um 19.30 Uhr beginnen soll, wie Bistumssprecher Stephan Kronenburg sagte. "Wir laden jeden ein, der ein Bedürfnis hat."

Der Vorfall in Münster ereignete sich exakt ein Jahr nach den Lastwagen-Anschlag in der Innenstadt von Stockholm, bei dem fünf Menschen getötet wurden. Beim Anschlag mit einem Lastwagen auf dem Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche kamen am 19. Dezember 2016 zwölf Menschen ums Leben.

(APA/dpa/ag.)

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