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A4-Flüchtlingsdrama: "Vize" belastete Bandenchef schwer

22.06.2017 - 17:25
Der Hauptangeklagte wird zum Gerichtssaal geführt© APA (Hochmuth)Der Hauptangeklagte wird zum Gerichtssaal geführt

Im Prozess in Kecskemet um das tödliche A4-Flüchtlingsdrama haben sich am Donnerstag die beiden mutmaßlichen Bandenchefs geweigert, vor Gericht auszusagen. Daraufhin verlas Richter Janos Jadi die Protokolle der Einvernahmen der 30-jährigen Männer durch Ermittler und Untersuchungsrichter. Dabei belastete der "Vize", ein Bulgare, seinen Chef schwer: "Er wurde zu gierig."

Der Bulgare berichtete in den Einvernahmen, wie er mit dem 30-Jährigen zunächst gemeinsame Autogeschäfte getätigt hatte, bis ihn der Afghane im Juni 2015 fragte, ob er Schlepperfahrer aufstellen könnte. Täglich wären dann die angeheuerten bulgarischen Fahrer von Morahalom an der serbisch-ungarischen Grenze mit Flüchtlingen nach Westeuropa gefahren. Alle zwei bis drei Tage wurden die Lenker ausgetauscht.

Die Schlepperfahrzeuge wurden mithilfe eines 52-jährigen Komplizen, eines bulgarisch-libanesischen Staatsbürgers, angekauft. Die Autos wurden so lange eingesetzt wie nötig. Wenn die Fahrzeuge unterwegs kaputt wurden, ließ man sie einfach mit den Flüchtlingen zurück, die meisten in Österreich. Jede Tour wurde von einem sogenannten Vorläuferwagen begleitet, dessen Lenker nach der Polizei Ausschau hielt. Viele Fahrer von Schlepperautos wurden aber von der Polizei erwischt.

Zunächst wurden Klein-Lkw angeschafft, später Lkw, die 30 bis 35 Personen transportieren konnten. Am Ende wurden bis zu 100 Flüchtlinge auf die Ladeflächen gepfercht. Im August 2015 endete eine solche Fahrt an der A4 tödlich. Der 30-jährige Afghane "wurde zu gierig, deshalb sitzen wir hier", sagte der mitangeklagte Bulgare in der Einvernahme.

In der Verhandlung am Donnerstag wurde auch ein Streit zwischen den beiden zum Thema. Der 30-jährige Bulgare war der Meinung, dass der Kühl-Lkw für den Transport von Menschen ungeeignet sei, da sie keine Luft bekommen würden. Dem widersprach der Afghane und es kam zum Streit, sagte der Bulgare bei seiner Einvernahme im Juni 2016.

Der Bulgare wies vor der Todesfahrt darauf hin, dass der Laderaum des Lkw keine Luftlöcher habe und nicht einmal Platz für 50 Personen sei, wie am Nachmittag aus dem Protokoll verlesen wurde. Der Afghane herrschte seinen Stellvertreter an, er solle ihm das Geschäft nicht kaputt machen. Er verstehe mehr davon, schließlich mache er das schon seit 15 Jahren.

Der Zweitangeklagte meinte daraufhin: "Was hätte ich machen können? Wenn ich den Kühllaster gestoppt hätte, dann hätte ich mein Todesurteil unterschrieben." Und der Afghane wäre um eine Einnahme von 100.000 Euro gekommen, meinte er.

Als in der Nacht auf den 26. August 2015 die 71 Flüchtlinge nach Westeuropa gebracht werden sollten, half der 30-jährige Zweitangeklagte beim Einsteigen. Danach verbrachte er die Nacht mit seiner Freundin in Kecskemet, bis ihn der Fahrer des Begleitfahrzeugs anrief und von den Problemen berichtete. Er informierte den afghanischen Komplizen. Der Bandenboss riet, den Flüchtlingen Wasser zu geben. Aus Angst vor der Polizei fuhren der Lkw-Lenker und der Begleitfahrer aber einfach weiter, ohne die Ladetür zu öffnen. Alle 71 Flüchtlinge erstickten.

Die beiden Bandenbosse hätten die Fahrer dann nicht mehr erreicht. Diese hätten sich erst wieder gemeldet, als sie bereits nach Bratislava geflüchtet waren. Sie behaupteten, von der Polizei verfolgt worden zu sein und den Lkw bei Parndorf abgestellt zu haben. Daraufhin meinte der Afghane, dass dann die Polizei die Flüchtlinge ja gefunden und aus dem Lkw befreit hätte, sagte sein Stellvertreter bei der Einvernahme. Doch dem war nicht so - erst einen Tag später, am 27. August 2015, entdeckten österreichische Beamte das Fahrzeug mit den Leichen.

Vom tragischen Ende der Schlepperfahrt erfuhr der Zweitangeklagte aus dem österreichischen Fernsehen. Der 52-jährige Komplize rief ihn an und berichtete von den Toten an der A4.

Bei dem Prozess in Kecskemet sind insgesamt elf Männer angeklagt. Zehn von ihnen stehen vor Gericht, ein weiterer ist noch auf der Flucht. Sie müssen sich u.a. wegen qualifizierten Mordes und Schlepperei im Rahmen einer kriminellen Vereinigung verantworten.

Die Bande hat laut Anklage mehr als 1.200 Menschen illegal nach Westeuropa geschleppt. Dabei kassierte allein der Bandenchef mehr als 300.000 Euro. Ab Juni 2015 schmuggelte die Gruppe verstärkt Flüchtlinge von Serbien über Ungarn nach Österreich bzw. Deutschland. 31 solcher Fahrten konnte die Staatsanwaltschaft in Ungarn nachweisen.

Der vorsitzende Richter Janos Jadi setzte bereits weitere Prozesstermine fest. Neben Freitag und dem 29. sowie 30. Juni finden am 5. und 6. Juli sowie am 22., 23. und 24. August Verhandlungen statt.

(APA)

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