Quelle: ZAMG

Interviews

Thema Europäische Union

Kolumne

Wirtschaftskolumne

Gesundheitskolumne

Mindestens 12 Tote bei Großbrand in Londoner Hochhaus

14.06.2017 - 22:38
Der Brand in dem Hochhaus endete verheerend© APA (AFP)Der Brand in dem Hochhaus endete verheerend

Nur wenige Tage nach dem Terroranschlag in London wird die britische Hauptstadt von der nächsten Katastrophe erschüttert. Bei einem Brand eines Hochhauses im Zentrum der Stadt kamen mindestens zwölf Menschen ums Leben. Die Zahl der Toten dürfte aber noch steigen, denn von den rund 80 Verletzten schweben 18 in Lebensgefahr. Zudem werden noch immer "Menschen vermisst", teilte Scotland Yard mit.

In dem 24-stöckigen Grenfell Tower spielten sich dramatische Szenen ab. Aus den Fenstern des Hochhauses loderten hohe Flammen. Augenzeugen berichteten von Bewohnern des Hochhauses, die in die Tiefe gesprungen oder gefallen seien. Ein verzweifelter Bewohner schwenkte zeitweise ein weißes Stofftuch aus einem der oberen Stockwerke. Aus den Etagen hoch oben seien Schreie zu hören gewesen.

"Sie waren eingeschlossen. Sie konnten nicht runter, insbesondere nicht aus dem obersten Stockwerk ... die Menschen sind verbrannt", sagte ein Augenzeuge, Daniel, dem Rundfunksender BBC. "Ich habe es mit eigenen Augen gesehen."

Eltern sollen in ihrer Verzweiflung Kinder aus dem brennenden Hochhaus geworfen haben, darunter auch ein Baby. Eine Mutter habe ihren Säugling aus dem "neunten oder zehnten Stock" geworfen, sagte Samira Lamrani der britischen Nachrichtenagentur PA am Mittwoch.

Die Frau habe von einem halb geöffneten Fenster aus mit Gesten angedeutet, dass sie das Kind herunterwerfen wolle. Daraufhin sei ein Mann in Richtung des Fensters gerannt und habe das Baby aufgefangen. Was später aus der Familie wurde, war zunächst nicht bekannt.

Der 17-jährige Tiago Etienne sagte der PA, er habe gesehen, wie Eltern drei Kinder ungefähr aus dem 15. Stock geworfen hätten. "Sie waren jung, vielleicht zwischen vier und acht Jahre alt." Er habe aber nicht sehen können, ob die Kinder von der Polizei oder der Feuerwehr aufgefangen worden seien.

Auch andere Eltern nahmen das Wagnis in Kauf, um ihre Kinder zu retten. "Sie haben erst länger mit ihren Kindern an den Fenstern gestanden und sie dann in die Tiefe geworfen", sagte eine 30-jährige Frau. Über das Schicksal der Kinder ist nichts bekannt.

Der 32-jährige Adi Estu, nur mit einem Mantel über dem Schlafanzug bekleidet, berichtete, wie er "Familien" gesehen habe, die ihre "Handys wie Fackeln aufleuchten" ließen. "Aber der Rauch verschlang sie, und dann zerstörte das Feuer alles. Wir haben sie sterben sehen. Wie kann man das vergessen?"

Das Feuer war in der Nacht auf Mittwoch ausgebrochen. Noch am frühen Morgen stand das Gebäude mit mehr als 20 Stockwerken noch immer lichterloh in Flammen, eine Rauchsäule war weithin zu sehen. "In meinen 29 Jahren als Feuerwehrfrau habe ich noch nie etwas von solchem Ausmaß gesehen", sagte Dany Cotton von der Londoner Feuerwehr.

Rettungskräfte kämpften unermüdlich gegen das Feuer und brachten 65 Bewohner des Grenfell Towers in Sicherheit. Die Crews arbeiteten "unter extrem schwierigen Bedingungen, um Menschen zu retten und den Großbrand unter Kontrolle zu bekommen", hieß es in einem Statement der Feuerwehr. Im Einsatz waren demnach 200 Feuerwehrkräfte und 40 Löschfahrzeuge. Bei dem Einsatz wurden mehrere Feuerwehrleute verletzt. Die Ursache des Brands ist unklar.

Die Polizei räumte nahegelegene Gebäude, die von den herabstürzenden Trümmern des Hauses gefährdet waren. Die angrenzende U-Bahn-Linie wurde bei der Station Latimer Road gesperrt, ebenso wie ein Abschnitt der Autobahn A40, die nördlich an dem Komplex vorbeiführt.

Die britische Premierministerin Theresa May kündigte eine "sorgfältige Untersuchung" an. Wenn aus dem Feuer Konsequenzen zu ziehen seien, würden Maßnahmen ergriffen, sagte May am Mittwochabend. Die Regierungschefin würdigte den Einsatz der Rettungskräfte und sprach den Betroffenen ihre Anteilnahme aus. "Heute Abend haben viele Menschen keinen Ort, wo sie hingehen können, sie haben absolut alles verloren. Ihnen zu helfen, muss für uns im Mittelpunkt stehen."

Nach Angaben von Bewohnern brannte das Gebäude, dessen Fassade im Zuge einer größeren Renovierung bis ins vergangene Jahr neu verkleidet wurde, zuerst von außen. Eine Anrainer-Initiative hatte vor einem Jahr vor der Gefahr eines Brandes im Grenfell Tower gewarnt. Während Umbauarbeiten gebe es nur einen Zugang zu dem Gebäude, heißt es auf einem Blog-Eintrag der Grenfell Action Group: "Es ist gar nicht auszudenken, was passiert, wenn in der Eingangshalle ein Feuer ausbricht." Die Bewohner säßen "in dem Gebäude in der Falle".

Londons Bürgermeister Sadiq Khan sprach von einem "bedeutenden Vorfall" - eine Bezeichnung der britischen Behörden für eine Lage, die besondere Vorkehrungen durch einen oder mehrere Rettungsdienste erfordert. Khan sagte später auch, die Frage des Brandschutzes in Londoner Hochhäusern werde untersucht werden müssen. Einige Bewohner hatten berichtet, sie seien angewiesen worden, sie sollten im Fall eines Feuers in ihren Wohnungen bleiben. Das ist übrigens auch in Österreich in solchen Fällen - bei regelkonformen Brandschutzvorrichtungen des betreffenden Gebäudes - die Empfehlung der Feuerwehr.

"Diese Fragen sind wirklich wichtig und müssen beantwortet werden", sagte Khan dem BBC Radio. In London gebe es sehr viele Hochhäuser, "und wir können nicht dulden, dass die Sicherheit von Menschen durch fragwürdige Anweisungen gefährdet wird, oder, falls wirklich zutrifft, was angedeutet wurde, dass Hochhäuser nicht ordnungsgemäß gewartet und betreut werden".

Der Grenfell Tower wurde im Jahr 1974 fertiggebaut. In dem 24-stöckigen Betonbau befinden sich 120 Wohnungen. In den Jahren 2015 und 2016 wurde das Gebäude in North Kensington im Westen der britischen Hauptstadt renoviert. Es wurden neue Fenster eingesetzt, und die Fassade wurde thermisch saniert. An der Ausführung dieser Maßnahme soll es unterschiedlichen englischen Medienberichten zufolge damals und seither Kritik von Bewohnern gegeben haben.

Die Baufirma Rydon reagierte schockiert. Sie war für die Sanierung des Hochhauses zuständig. Alle erforderlichen Kontrollen, Bestimmungen im Brandschutz und sonstigen Sicherheitsstandards seien eingehalten worden, teilte die Firma mit.

Der britische Fernsehkoch Jamie Oliver hat den Opfern des Brandes inzwischen Gratisessen in seinem nahe gelegenen Restaurant angeboten. "Essen und Trinken gibt es umsonst. Sprechen Sie einfach meinen Manager Juan an und wir werden Sie umsorgen", sagte der 42-Jährige am Mittwoch auf Instagram. Die Jamie's-Italian-Kette von Oliver hat ein Restaurant im Westfield-Einkaufszentrum in Shepherd's Bush in der Nähe des Unglücksorts.

(APA/dpa)

Home
Politik
Chronik
Wirtschaft
Sport
Kultur
Society
Life
Reise
Motor
Hightech