Quelle: ZAMG

Doppelmord-Prozess: Lebenslange Haft für Polizist

06.07.2017 - 17:56
Dem Verdächtigen droht lebenslange Haft© APADem Verdächtigen droht lebenslange Haft

Nach nur einstündiger Beratung der Geschworenen ist am Donnerstagnachmittag ein 24-jähriger Polizist am Wiener Straflandesgericht zu lebenslanger Haft verurteilt worden, weil er im Oktober 2016 seine schwangere Lebensgefährtin und seinen Sohn getötet hatte. Das Urteil wegen Doppelmordes und wegen des Vergehens des Schwangerschaftsabbruches ohne Einwilligung der Schwangeren erfolgte einstimmig.

Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Der Verurteilte erbat sich in ruhigem Ton drei Tage Bedenkzeit. Staatsanwältin Karina Fehringer verzichtete auf Rechtsmittel. Erschwerend wurde das Zusammentreffen mehrerer Straftaten gewertet, führte der Vorsitzende des Schwurgerichts, Stefan Apostol, in seiner Urteilsbegründung aus. "Sie haben Ihre gesamte Familie ausgelöscht." Zudem habe der 24-Jährige seinen Sohn Noah "besonders grausam" und "qualvoll erwürgt". Mildernd waren der bisher tadellose Lebenswandel und sein reumütiges Geständnis. Wenn dieses Urteil in Rechtskraft erwächst, bedeutet das für den suspendierten Polizisten den Amtsverlust. Zudem muss er der Familie die Begräbniskosten und einen Trauerschaden von insgesamt 70.000 Euro bezahlen.

Der suspendierte Beamte bekannte sich vor dem Geschworenengericht vollinhaltlich schuldig. "Ich wollte die Beziehung unbedingt retten", sagte er schluchzend. Seinen Angaben zufolge war der Polizeibeamte in der Beziehung "todunglücklich".

Das Paar lernte sich im Jänner 2014 über ein Dating-Portal kennen, nur ein halbes Jahr später wurde die 25-jährige Frau schwanger. Als der heute 24-Jährige im Oktober 2015 in den Polizeidienst übernommen wurde und in seiner Arbeit aufging, fehlte dem jungen Mann zunehmend Zeit für seine kleine Familie. Die gebürtige Kärntnerin konnte sich nach dem Umzug nach Wien nur schwer einleben, sie wollte mehr Aufmerksamkeit von ihrem Lebensgefährten, der dieses Verhalten zunehmend als "lästig" empfand, sagte die Anklägerin. Dennoch kam er dem Wunsch der Frau nach einem zweiten Kind nach, Claudia K. wurde erneut schwanger.

Als die Frau im Sommer 2016 den Führerschein in ihrer Kärntner Heimat machen wollte, zog sie samt Kind für eine Zeit lang zu ihren Eltern. Nur einen Tag nach ihrer Abreise suchte Daniel L. bereits auf einem Dating-Portal nach anderen Frauen, führte Fehringer aus. Eine junge Frau namens Anna-Maria, die sich als "Single mit Kind" präsentierte, fiel dem 24-Jährigen gleich ins Auge. Er ließ die Frau im Glauben, dass er seit einem Jahr Single sei und mit seiner in Kärnten lebenden "Ex" einen Sohn habe. Er teilte Anna-Maria mit, er hätte sich wegen der "grundlosen Eifersucht" seiner Ex-Freundin getrennt. Aus einem harmlosen Flirt über den Messenger-Dienst WhatsApp wurde rasch eine Affäre.

Dass der Polizist mit seiner Geliebten in ständigem Kontakt war, bekam mit der Zeit auch Claudia K. mit. Der 24-Jährige beruhigte seine Lebensgefährtin jedoch damit, dass es sich bei der Frau über WhatsApp lediglich um eine Arbeitskollegin handle. Claudia ließ nicht locker und es kam immer wieder wegen Eifersucht zu heftigen Auseinandersetzungen. Dennoch führte der 24-Jährige sein Doppelleben weiter, wobei seine Situation aufgrund der Lügen immer schwieriger wurde. "Anna war immer wieder Thema in der Beziehung", sagte die Staatsanwältin.

Im September 2016 soll er laut Anklage zum ersten Mal darüber nachgedacht haben, seine schwangere Freundin zu töten. Über das Handy googelte er Begriffe wie "Genick brechen", führte die Staatsanwältin aus. Den ersten Tötungsversuch hat er der Anklägerin zufolge am 26. September 2016 unternommen, indem er den Hals seiner Freundin packte und von hinten würgte, als sich die Familie für einen Ausflug auf den Kinderspielplatz fertig machte. Claudia K. konnte sich befreien, der 24-Jährige versicherte, ein Blackout gehabt zu haben. "Ich liebe dich über alles, mein Schatz. Es tut mir unendlich leid, was da passiert ist ich hab selber Angst vor mir!", schrieb er in einer SMS.

Nur vier Tage nach der Attacke kaufte er bei einem Baumarkt eine Axt und Müllsäcke, die laut Anklage zur Entsorgung der Leiche dienen sollten, und versteckte sie unter dem Bett. Claudia K. entdeckte die Sachen, der Angeklagte stellte sich jedoch auf Nachfragen dumm; er wisse nicht, was er gekauft habe. Die Frau gab alles im Baumarkt zurück.

Anfang Oktober wurden seine Tötungsabsichten immer konkreter. Als Tatwaffe sollte seine Dienstwaffe herhalten, was seine Google-Suche nach "Schuss mit Kissen dämpfen", "Kopfschuss" oder u.a. "Hinrichtung durch Kopfschuss - was für ein Schadensbild" zeigte. Dafür holte er am Abend des 1. Oktober seine geladene Glock aus der Dienststelle und versteckte sie in der Wohnung. "Der Plan stand fest", hielt Staatsanwältin Fehringer fest.

Am 2. Oktober 2016 "fasste der Angeklagte den Entschluss, das Ganze nun zu Ende zu bringen", heißt es in der Anklage. Nach einem neuerlichen Streit zog sich Claudia K. weinend ins Schlafzimmer zurück. Der Angeklagte folgte ihr, holte aus dem Schlafzimmerkasten die Waffe und schoss der am Bett liegenden Frau aus kurzer Entfernung in den Kopf. Claudia L. starb durch einen Kopfdurchschuss, wie Gerichtsmediziner Nikolaus Klupp ausführte. Während der Tat habe der kleine Noah im Wohnzimmer sein "Mittagsschläfchen gehalten", sagte der Angeklagte vor Gericht. Die Leiche legte der Polizist in die Badewanne. Um keinen Verdacht zu erwecken, schrieb er der Mutter seines Opfers eine SMS, da diese intensiven Kontakt pflegten.

Zeitgleich vereinbarte er mit seiner Geliebten, deren Kindern und seinem Sohn ein Treffen auf einem Indoor-Spielplatz in der Donaustadt. Bei seiner Rückkehr am Abend beseitigte er die Blutspuren in der Wohnung. Am nächsten Tag beantragte er Pflegeurlaub und erwürgte laut Anklage sein Kind, nachdem er ihm Frühstück gemacht hatte. "In meiner damaligen Situation hab' ich gelaubt, das ist das beste für ihn", sagte Daniel L. am Donnerstag. Mit den Schlagworten "Wie kann man eine Leiche entsorgen" suchte der 24-Jährige dann im Internet. Beide Leichen versteckte er vorerst im Keller. Die Nacht verbrachte er gemeinsam mit seiner Geliebten in der Wohnung. "In der Sie Frau und Ihr Kind getötet haben", konstatierte Apostol. "Ich wollte nicht allein sein", meinte Daniel L..

Da sich Claudia nicht mehr bei ihrer Familie meldete, waren ihre Mutter und ihre Freundin zunehmend besorgt. Am 4. Oktober 2016 machte der Angeklagte eine Vermisstenanzeige. Da den Angehörigen das komisch vorkam, alarmierte die Mutter der schwangeren Frau zwei Tage später die Polizei. Der Mann flüchtete in seine Heimat Trofaiach, um die Leichen zu verstecken. Dort wurde der 24-Jährige schlussendlich festgenommen.

"Sie war fixiert auf mich", sagte der Angeklagte dem Schwurgericht. Gefühle für Claudia habe er nur am Anfang gehabt, "aber das hat sich schnell relativiert, weil ich gemerkt hab', das passt einfach nicht". Warum er seine schwangere Freundin und den 22 Monate alten Sohn getötet hat, "ist für mich unverständlich, nicht erklärbar", schluchzte Daniel L..

Auf die Frage der beisitzenden Richterin Christina Salzborn, warum er nicht einfach gegangen ist, anstatt die schwangere Freundin und seinen Sohn zu töten, meinte der Angeklagte, "ich weiß es nicht". "Es ist doch einfacher zu gehen, als jemanden zu erschießen?", fragte Salzborn. "Das frag' ich mich jeden Tag", sagte Daniel L. leise. "Ich weiß, es ist unmenschlich und abscheuenswürdig (sic!). Ich hasse mich jeden Tag dafür." "Ich wollte keine perfekte, aber eine normale Familie haben und für mein Kind da sein, deswegen habe ich nicht aufgegeben und es immer wieder probiert", meinte der 24-Jährige zuvor.

(APA)

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