Quelle: ZAMG

Bluttat in Linz: Hass auf Gesellschaft und FPÖ als Motiv

01.07.2017 - 21:15
Der Tatverdächtige wollte an seinen Opfern ein Exempel statuieren© APADer Tatverdächtige wollte an seinen Opfern ein Exempel statuieren

Nach dem gewaltsamen Tod zweier Pensionisten am Freitag in Linz haben die Einvernahmen des Verdächtigen ein politisches Motiv zutage gefördert. Der 54-jährige Tunesier, der seit 1989 in Österreich lebt, habe laut Polizei viele negative Erfahrungen, die er subjektiv hier gemacht hat, auf die FPÖ projiziert. Mit der Tat habe er ein Exempel an der Gesellschaft statuieren wollen.

Der Tunesier hatte seit Langem das Gefühl, als Ausländer und Muslim nicht willkommen zu sein. Hinzu kam, dass er 2011 wegen Tierquälerei angezeigt und auch verurteilt wurde. Wie die Polizei mitteilte, sei der Verdächtige fälschlicherweise davon ausgegangen, dass es sich bei dem Mann, der damals Anzeige erstattete, um einen FPÖ-Mandatar handelte.

Der 54-Jährige entwickelte zunehmenden Hass auf die Gesellschaft und speziell auf die FPÖ, schilderte der oberösterreichische Landespolizeidirektor Andreas Pilsl am Samstag in einem Hintergrundgespräch die Motivlage des Verdächtigen. Er habe die Partei und die Gesellschaft für viele negative Erfahrungen verantwortlich gemacht - etwa, wenn er seiner Ansicht nach beim AMS nicht gut behandelt wurde, oder ihm die Mindestsicherung gekürzt wurde.

Wenige Tage vor der Bluttat in Linz soll er den Entschluss gefasst haben, an der Gesellschaft ein Exempel zu statuieren. Als Opfer erkor er den 87-Jährigen und seine 85-jährige Frau aus, bei denen er einen Bezug zur FPÖ zu sehen glaubte, der aber wohl gar nicht bestanden haben dürfte. Die beiden hatten den Tunesier auch nicht schlecht behandelt, sondern ihn sogar finanziell unterstützt. Laut Pilsl gab der Mann an, dass er wisse, dass die Tat nicht richtig gewesen sei und die beiden Opfer eigentlich nichts für seine Situation konnten. Dennoch habe er beschlossen, sich an der Gesellschaft zu rächen.

Der 54-Jährige arbeitete zuletzt im Geschäft seiner österreichischen Lebensgefährtin als Lebensmittellieferant mit. Zweimal wöchentlich brachte er Waren zu dem betagten Ehepaar. Am Freitag hatte er unter seiner Schürze einen Gurt, einen Holzstock, ein Messer und einen Benzinkanister versteckt. Zuerst erdrosselte er die arglose Frau, anschließend tötete er den Mann mit dem Messer und dem Stock. Dann legte er Feuer. Wenig später entdeckte die Feuerwehr die Leichen der beiden Opfer.

Kurz nach der Tat stellte sich der mutmaßliche Täter selbst bei der Polizei. In der Inspektion musste er noch warten. Er stellte sich brav an und als er schließlich an die Reihe kam, legte er ein Geständnis ab. In der Einvernahme sagte er, er habe zuerst überlegt, sich in der Donau zu ertränken, dann aber beschlossen, sich zu stellen.

Die Ermittler gehen nach einer Hausdurchsuchung von einer geplanten Tat und von einem Einzeltäter aus. In der Nähe der radikalislamischen Szene sehen sie ihn aber nicht: Der Mann habe ein religiöses Leben geführt, der politische Islam habe ihn jedoch nicht interessiert, sagte Pilsl. Auch sei der Tunesier bisher weder durch Radikalisierungstendenzen aufgefallen noch einschlägig vernetzt.

Ein psychiatrisches Gutachten zur Schuldfähigkeit werde wohl eingeholt werden, erwartete Pilsl. Für die Ermittler sähe es aber danach aus, dass der Mann Schuldige für sein "patschertes Leben" gesucht habe.

"Tief bestürzt" äußerte sich Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) angesichts des aktuellen Ermittlungsstandes. "Verbrechen wie diese zerstören das Vertrauen in den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und sind auf das Härteste zu verurteilen", betonte der Kanzler. "Wenn Menschen - wie in Linz offenbar passiert - wegen einer echten oder fiktiven Nähe zu einer Partei ermordet werden, müssen alle gemeinsam gegen solche Entwicklungen auftreten."

Ohne die Ermittlungen der oberösterreichischen Polizeibehörden vorweg nehmen zu wollen, müsse man sich sehr genau ansehen, wie man hier mit noch strengeren Kontrollen und mehr Mitteleinsatz unmenschliche Taten wie diese verhindern könne, so Kern. "Eines ist klar: Österreich muss das Land des Zusammenhaltes und des Gemeinsamen sein. Denn nur das Verbindende macht uns stark und steht immer über dem Trennenden", fügte der Kanzler hinzu.

(APA)

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