Quelle: ZAMG

Wiens Kinder- und Jugendpsychiatrie war lange "Gewaltsystem"

13.03.2017 - 16:23
Das System war laut Studie menschenunwürdig© APADas System war laut Studie menschenunwürdig

Hölle statt Hilfe: Wer in der Nachkriegszeit Aufnahme in der Wiener Kinder- und Jugendpsychiatrie fand, war mit einem menschenunwürdigen, umfassenden Gewaltsystem konfrontiert - das über Jahrzehnte hinweg bestand. Das ist das Ergebnis einer Studie, die am Montag im Wiener Rathaus präsentiert wurde. Untersucht wurde der Zeitraum von 1945 bis 1989.

Der Auftrag für die Recherchen kam vom Wiener Krankenanstaltenverbund: Das Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie wurde um eine zeithistorisch-sozialwissenschaftliche Erforschung von zwei stationären Einrichtungen ersucht. Konkret wurden der Pavillon 15 in der Anstalt "Am Steinhof" (die ab 1963 Psychiatrisches Krankenhaus "Baumgartner Höhe" genannt wurde, Anm.) und die vom Neuropädiater Andreas Rett gegründete Abteilung für entwicklungsgestörte Kinder am Neurologischen Krankenhaus der Stadt Wien am Rosenhügel unter die Lupe genommen.

Behauptungen über Missstände im Pflege- und Betreuungsbereich waren Ausgangspunkt der Untersuchung. Die Vorwürfe, so hat sich gezeigt, waren alles andere als falsch. Die Betreuungsverhältnisse von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung waren durchwegs nicht adäquat, wie eine der Autorinnen der Studie, Hemma Mayrhofer, erläuterte. Wobei man schon seit den 1950er-Jahren gewusst habe, dass die Situation nicht den gängigen Standards entspreche, versicherte sie.

Die beiden untersuchten Einrichtungen waren laut Mayrhofer sehr verschieden. Gleichzeitig würden sie das Spektrum der verschiedenen Arten von Ausgrenzung und Vernachlässigung abbilden. Für ihre Arbeit haben die Wissenschafter nicht nur Akten gesichtet. Insgesamt wurden auch rund 100 Interviews mit Betroffenen, Angehörigen und ehemaligen Mitarbeitern der beiden Anstalten geführt.

Mit der Studie habe man ein "sehr dunkles Kapitel" aufgehellt, das einen "alles andere als ruhmreichen Abschnitt" der jüngeren Geschichte behandle, sagte die Wiener Sozial- und Gesundheitsstadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ). Im besten Fall sei achtlos mit den betroffenen Menschen umgegangen worden, oft aber auch "zutiefst verachtend". Zum Nationalsozialismus gab es durchaus Naheverhältnisse.

Frauenberger sprach von einem "ungenügenden Bruch" mit der NS-Zeit. Personal, das schon damals in der Anstalt am Steinhof im Einsatz war, wurde zum überwiegenden Teil weiter beschäftigt. Der Pavillon 15 war während der Nazi-Diktatur auch Teil der Tötungsanstalt "Am Spiegelgrund". Das Gebäude blieb ein Ort der Gewalt: Laut Studienautorin Hemma Mayrhofer stellte der Pavillon auch nach dem Krieg "ganz klar die Endstation" für die betroffenen Menschen dar, die oft aus Kinderheimen oder anderen Krankenanstalten kamen.

Es gab dort wenig ärztliches Personal. Die von den offenbar häufig überforderten Pflegern gesetzten Maßnahmen sollten in erster Linie den Betreuungsaufwand reduzieren. Netzbetten und Zwangsjacken schränkten den Bewegungsspielraum oft massiv ein. Die jungen Patienten wurden zudem sediert, häufig wurden diese Medikamente auch ins Essen gemischt - das bei Personen mit Schluckbeschwerden mitunter gewaltsam verabreicht wurde. Laut der Medizinhistorikerin Katja Geiger dürfte diese Praxis bei der Essensausgabe immer wieder zu Lungenentzündungen geführt haben, an denen zahlreiche der jungen Patienten auch gestorben sind.

Freiheitsentzug stand auch für Fehlverhalten auf dem Programm. Laut Mayrhofer reichte dafür schon, wenn Kinder aus der Toilette tranken - was sie bei Durst anscheinend tun mussten, da offenbar die Wasserversorgung in den Zimmern aus Sicherheitsgründen unterbunden war. "Das Umfeld war absolut nicht kindgerecht", stellte die Studienautorin klar. Pädagogische oder soziale Zuwendung gab es kaum. Während des Untersuchungszeitraums dürften sich rund 600 bis 700 Kinder im Pavillon 15 aufgehalten haben, der in dieser Form bis 1984 in Betrieb war. Vergleichbare Einrichtungen gibt es in Wien nicht mehr. Wohngemeinschaften haben derartige Anstalten ersetzt, wurde heute betont.

Die 1956 gegründete "Rett-Klinik" war laut Studie schon damals als Alternative zur Unterbringung von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen gedacht. Dass dort versucht wurde, statt der reinen Verwahrung auf Förderung und Rehabilitation zu setzen, wird in der Untersuchung anerkannt. Jedoch: Laut Mayrhofer war die Einrichtung äußerst intransparent - nämlich nach außen hin abgeschottet. Intern hingegen ging es offenbar informell zu, die Forscher orteten "hohes Willkürpotenzial". So soll die Chefsekretärin Retts jahrelang Entscheidungen auch in medizinischen Belangen getroffen haben.

Laut Studie wurden in der Klinik Psychopharmaka verwendet, die nicht für den Handel zugelassen waren. Auch Medikamente zur Dämpfung des Sexualtriebs wurden über Jahrzehnte hinweg eingesetzt. Zudem war die Einrichtung in "bedeutendem Ausmaß" bei Schwangerschaftsabbrüchen und unfreiwilligen Sterilisationen involviert. Andreas Rett habe damit das Problem sexueller Gewalt gegen Mädchen und Frauen mit Behinderung auf die Frage der Fortpflanzung reduziert, lautet die Kritik. Der inzwischen verstorbene, 1989 in Pension gegangene Gründer der Klinik habe sich zu diesen Maßnahmen aber stets bekannt.

Mitautor Walter Hammerschick hat die rechtliche Lage erörtert und kam zu dem Schluss: Es lassen sich durchaus strafrechtlich relevante Tatbestände erkennen. Jedoch handle es sich durchwegs um Delikte, die bereits verjährt seien. Abgesehen vom Strafrecht hätten die damaligen Gesetze nur wenig Schutz geboten. Einrichtungen wie die Patientenanwaltschaft habe es noch nicht gegeben. Die Einstufung als selbst- oder fremdgefährdend sei oft rasch erfolgt, nur um die Patienten unterbringen zu können.

Die Stadt hat laut Frauenberger vor, Opfer zu entschädigen. Sollten Betroffene Schadenersatz beantragen, werde der Fall geprüft. "Wenn Ansprüche entstehen, dann sind sie zu gewähren", versicherte sie. Auch eine eigene Telefonhotline wurde eingerichtet. Sie ist unter der Wiener Nummer 40409-60030 erreichbar.

Die Erkenntnisse über die einst großen Missstände führten zu Kritik der Opposition. Die Studie zeige, dass der "gewalttätige Umgang" mit jungen Menschen in Betreuungseinrichtungen der Stadt und in medizinischen Einrichtungen offenbar "gängiger Usus" war, befand FPÖ-Rathausklubchef Dominik Nepp. Er verwies auf die bereits seit längerem dokumentierten Zustände in den Kinderheimen. In diesem Zusammenhang sei es unverständlich, "dass vor allem die SPÖ bis heute keine Anstalten macht, die Opfer dieser Willkür in Heimen zu entschädigen bzw. anzuerkennen, ihnen eine Gedenktafel zu widmen und die Verantwortlichen letztendlich zur Rechenschaft zu ziehen", so Nepp. Die FPÖ fordert eine Opferrente für die Betroffenen.

Für Wiens ÖVP-Gesundheitssprecherin Ingrid Korosec sind die nun bekannt gewordenen Ergebnisse "schockierend". "Diese Vorfälle, die sich hier zugetragen haben, sind vor allem auch eine Mahnung, dass sich dies in keiner Weise mehr wiederholen darf", so Korosec. Es sei aber leider ein Faktum, fügte sie hinzu, dass seitens der Stadt Wien seit Jahren der dringend notwendige Ausbau der Bettenkapazitäten im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie verdrängt und aufgeschoben werde: "Aufgrund dessen müssen Kinder und Jugendliche in psychischen Notsituationen immer wieder in Abteilungen für Erwachsene untergebracht werden."

(APA)

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